Meinung : Im Dickicht der Prozente

Die meisten Deutschen wissen nicht, was ihre Krankenversicherung kostet: zu viel

Tissy Bruns

V ersicherte aller Kassen, entscheidet euch! Da kann man der Stiftung Warentest nur aus vollem Herzen zustimmen: Niemand sollte sich in der Erwartung auf eine allgemeine Bürgerversicherung davon abhalten lassen, jetzt zu prüfen, ob er nicht bei einer anderen Krankenversicherung Geld sparen kann. Bis zu 500 Euro im Jahr kann die richtige Entscheidung im Portemonnaie ausmachen. Neben diesem nützlichen Verbraucher-Tipp hat der Vergleichstest der Stiftung ein bestürzendes Stück Selbsterkenntnis über das deutsche Kassen-Wesen hervorgebracht. 70 Prozent der Deutschen, sagen die Tester, wissen noch nicht einmal, zu welchem Beitragssatz sie versichert sind. Erstaunlich? Überhaupt nicht. Das kann man im Ernst niemandem vorwerfen. Wir kennen alle den gefühlten Beitragssatz; er ist zu hoch.

Die ehrliche, vor allem die einfache Rechnung ist dem deutschen Gesundheitsdschungel völlig fremd. Jeder kann sich seinen Beitragssatz aus den Angaben des Gehaltsstreifens, auf dem sie in Euro und Cent ausgewiesen sind, ausrechnen: Krankenkassenbeitrag in Prozent vom Brutto-Einkommen, mal zwei, allerdings nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze, was nicht in allen Fällen identisch ist. Die Übung zählt zu den kleinen Zumutungen des Alltags, von denen die meisten Bürger ohnehin so viele haben, dass sie die vermeidbaren umgehen. Und vermeidbar ist für die Bürger das Rechnen, wenn es um die Gesundheit geht. Der unbekannte Beitragssatz kombiniert sich mit einer kompletten Unkenntnis über die Kosten, die entstehen, wenn man zum Arzt geht, ins Krankenhaus muss, das Medikament aus der Apotheke geholt wird. Nicht einmal der Privatpatient, der darüber eine Rechnung erhält, weiß wirklich Bescheid. Denn die Preise im Gesundheitswesen sind in erster Linie eine Auskunft über das Kräfteverhältnis zwischen den Großakteuren, die den großen Kuchen der gesetzlichen und privaten Versicherungsbeiträge unter sich aufteilen.

Weil das alles nicht so weitergehen kann, werden wir nach dem großen Gesundheitskompromiss zwischen Regierung und Union demnächst mehr aus eigener Tasche zahlen müssen, in der vagen Hoffnung auf sinkende Beiträge. Es sei denn, sie kommt, die Bürgerversicherung. Der Begriff hat einen guten Klang. Doch nach dem gegenwärtigen Diskussionsstand bei SPD und Grünen ist der einzige Punkt, bei dem alle einer Meinung sind, die sinkenden Beiträge. Und das ist leider auch nur ein Versprechen, für das glaubhafte Beweise noch fehlen.

172 gesetzliche Kassen hat die Stiftung Warentest untersucht und 222 private Tarifangebote, von denen übrigens nur 56 die Note „gut“ oder „sehr gut“ erhalten haben. Das gibt eine Ahnung davon, dass beim Projekt Bürgerversicherung ein sehr dickes Brett gebohrt werden muss. Und am Anfang steht offenbar zuerst eine allgemeine Verunsicherung.

Die SPD will (vielleicht) die privaten Versicherungen allen Bürgern öffnen. Joschka Fischer den Arbeitgeberbeitrag einfrieren, was (bisher) weder Grüne noch SPD wollen. Die Grünen wollen alle Einkommensarten einbeziehen, das will die SPD (wahrscheinlich) nicht. Der Bundeskanzler traut dem ganzen Braten nicht und möchte erst seinen Kompromiss mit der Union im Gesetzbuch stehen sehen.

Man ahnt, warum. Das Thema riecht nach Streit und Kontroversen. In diesem Fall sollten sie den Parteien aber ausdrücklich zugebilligt werden. Denn die letzten Illusionen müssen wir noch verlieren. Denn als Illusion erweist sich die Annahme, dass die Politik nur noch handeln müsste. Es fehlen immer noch die umsetzbaren Konzepte, obwohl die Gesundheitsmisere schon lange bekannt ist.

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