Meinung : Im doppelten Weihnachtsfest

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Von Melinda Biolchini

WO IST GOTT?

Vor vier Tagen haben tausende Berliner Weihnachten gefeiert, wie der Großteil der orthodoxen Christen. Die orthodoxen Kirchen richten ihre Feiertage auch heute noch nach dem julianischen Kalender – und feiern damit den „westlichen“ Kirchen um genau 13 Tage hinterher. Ist das für die Kinder orthodoxer Familien, die mit westlichen Christen aufwachsen, eine kleine Bürde?

Es kann auch eine Bereicherung sein. In meiner Kindheit feierten wir immer zweimal Weihnachten, jedes auf seine Art. „Vaters Weihnachten“ war am 25. Dezember. Die orthodoxen Serben nennen dieses Datum der Einfachheit halber (oder zur besonderen Abgrenzung bestimmten ehemaligen Landsleuten gegenüber) „katolicki božic“ (katholisches Weihnachten).

In unserem Fall war es allerdings genau genommen ein calvinistisch-reformiertes Fest. Wir feierten es nach ungarischer Tradition, die sich kaum von der deutschen unterscheidet. An Heiligabend schmückten wir gemeinsam den Weihnachtsbaum, und nach dem Abendessen gab es Geschenke. Die kamen vom Christkind oder, wie mein Vater auf Ungarisch sagte, vom „Jésuska“. Für meinen Bruder und mich waren die Geschenke natürlich der Höhepunkt der Feiertage.

Symbolisch ließen wir den Weihnachtsbaum immer bis zum 7. Januar geschmückt, obwohl er eigentlich gar nicht zu den serbisch-orthodoxen Weihnachtsbräuchen gehört, also zu „Mutters Weihnachten“.

Am 6. Januar feierten wir zum zweiten Mal Heiligabend, diesmal allerdings ganz ohne Geschenke, denn die sind in Serbien in diesem Zusammenhang nicht üblich. Nicht zuletzt deshalb war unser „serbisches“ Weihnachtsfest das besinnlichere. Ganz ohne Hektik und medial verbreitete Festtagsstimmung saßen wir noch einmal im kleinen Familienkreis bei traditionellen Speisen zusammen. Weihnachten Nummer zwei unterschied sich damit sehr stark von dem hier in Deutschland üblichen Fest. Dieses Andersartige haben viele meiner serbischen Freunde immer als etwas Positives, Identitätsstiftendes angesehen.

Zurückgesetzt (durch die zweiwöchige Verspätung) fühlte sich von meinen in Berlin aufwachsenden serbischen Bekannten eigentlich niemand – zumal die meisten von ihnen in ihrer Kindheit auch am 24. Dezember beschenkt wurden, damit sie ihren deutschen Freunden in nichts nachstehen.

In den letzten Jahren ist in Serbien und unter den im Ausland lebenden jungen Serben die Religion als besonderes Merkmal nationaler Zugehörigkeit stark in den Vordergrund gerückt. Und mit ihr die traditionelle Ausrichtung des Weihnachtsfests. Meine Familie hat diese Rückbesinnung auf eine abgegrenzte eigene Kultur bewusst nicht vollzogen.

Unsere beiden Weihnachten verschmolzen stattdessen mit den Jahren immer mehr miteinander, auf eine fast natürliche, harmonische Weise. Die Geschenke sind inzwischen weit in den Hintergrund gerückt, und mit ihnen der ganze Stress der dezemberlichen Vorweihnachtszeit. Geblieben sind der geschmückte Baum und das Zusammensein im Kreis der Familie. Aus „Vaters“ und „Mutters“ ist tatsächlich „unser“ Weihnachtsfest geworden, das wir als symbolischen Abschluss des vergangenen Jahres inzwischen ausschließlich im Dezember feiern.

Die Autorin ist freie Journalistin, in Deutschland geboren und mit einem Italiener verheiratet.

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