Meinung : Im Duft des Weines

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Von Klaus Trebes

WO IST GOTT?

Herrgott noch mal, Herrgott’s Seit’n, so sprach die Oma Trebes ihren Gatten an. Also war Opa Trebes für mich der Herrgott. Er war von imposanter Gestalt. Bürgermeister. Die goldene Uhrkette prangte am mächtigen Bauch. Er herrschte über den Ort, die Familie und die Sippe. Wenn jemand starb, kamen die Trauernden zu ihm und er meißelte den n des Toten in schwarzen Granit. Er zerlegte die Weihnachtsgans und nahm immer das beste Stück. Nur selten hatte der Herrgott, pardon der Opa, ein Einsehen und legte mir das Stück auf den Teller. „Allmächtiger“, das hat mir besonders geschmeckt.

Auf einem Kirchweihfest war es mit dem Herrgott vorbei. Nach zu vielen Seidla Bier wurde Opa allzu menschlich und ich führte uns heim. Verbannt ins Internat der Benediktiner suchte ich dort nach Gott. Ich konnte ihn im gregorianischen Choral erahnen – in der Musik überhaupt – verlor ihn aber infolge der Überdosis Frömmigkeit im Kloster. Auf sein Erscheinen und sein Gericht am Jüngsten Tag wollte ich nicht warten.

Dann hörte ich, er lebe „wie Gott in Frankreich“ in gutem Essen und Wein. Ich reiste, probierte und kochte, um ihm auf die Spur zu kommen. Und schmeckte immer öfter eine Art Echo. An einem Geburtstag entkorkte ich mit Freunden einen „Petrus“, Jahrgang 1975. Joschka Fischer, noch nicht Außenminister, war auch dabei. Ich trinke, schmecke, rieche, und „Petrus“ öffnet mir den Himmel. Joschka stimmte an: „Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke.“ Katholisch bleibt man auch wider Willen. Und wenn ich in ein Weinglas schnuppere, einen guten Braten koste, ein fränkisch-katholisches Seidla Bier wegzische und „Allmächtiger“ stöhne, dann freut sich der Weinpfarrer Hans Denk und mahnt: „Ja ihr Heiden, da kommt Andacht auf!“

Der Autor ist Chef des Restaurants „Gargantua“ in Frankfurt (Main), freier Schriftsteller, Kolumnist und Franke.

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