Meinung : Im falschen Programm

Nur einige Araber sehen im Terrorakt von Beslan einen Anlass für Selbstkritik

Andrea Nüsse

Es sind ungewohnte Töne. Selbstkritisch und ohne das übliche Selbstmitleid prangern arabische Kommentatoren den Terror der muslimischen Geiselnehmer von Beslan an. Einige Schreiber sorgen sich vor allem darum, dass die Tat dem Ansehen des Islam in der Welt schadet. Doch der Intendant des Fernsehsenders Al Arabija, Abdulrahman al Raschid, geht weiter: In der Tageszeitung „Al Scharq al Ausat“ bezeichnet er die Terroristen von Beslan als „ein Endprodukt unserer korrupten Kultur“. Die meisten Selbstmordanschläge auf Wohnhäuser, Busse und Schulen in den vergangenen zehn Jahren seien von Muslimen begangen worden, untermauert er seine These.

Bereits die Entführung der beiden französischen Journalisten durch radikale Islamisten in Irak hatte zu bisher einmaligen Protesten muslimischer Führer, islamistischer Gruppen und des Fernsehsenders Al Dschasira geführt, der es ansonsten vermeidet, sich deutlich von den Taten jener Radikalen abzugrenzen. Ist dies nun der Beginn einer grundlegenden Selbstreflexion in der arabischen Welt über die Auslegung von Islam, legitimem Widerstand und Dschihad?

Vieles spricht dagegen. Denn wenn es in diesen beiden Fällen einen breiten Aufschrei des Entsetzens gab, lag das an den Zielen, die sich die Täter auswählten. Die Geiselnehmer von Beslan hatten es auf Kinder abgesehen. Damit haben die Täter eine rote Linie überschritten. Denn nach weit verbreitetem Islamverständnis darf sich auch der Dschihad nicht gezielt gegen Kinder, alte Männer und Frauen richten. In diesem Punkt sind die Terrorismusdefinitionen des Westens und der islamischen Welt ausnahmsweise relativ identisch.

In anderen Fällen gehen sie dagegen auseinander. Auch die Proteste gegen die Entführung der beiden Franzosen im Irak erklären sich mit der Wahl des „falschen“ Ziels. Frankreich wird nicht zuletzt wegen seines Widerstandes gegen den Irakkrieg in der arabischen Welt als freundlich gesinnt eingeschätzt. Damit sind französische Geiseln die „falschen“ Geiseln. Während der Entführung des italienischen Journalisten gab es keine ähnliche Mobilisierung islamischer Gruppen. Die Nationalität der Opfer scheint ausschlaggebend, nicht aber die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um Zivilisten handelt.

Daher ist es fraglich, ob jetzt eine grundlegende Debatte in Gang kommt, wie sie der Al-Arabija-Intendant angestoßen hat. Hinzu kommt, dass der Tschetschenienkonflikt außerhalb der arabischen Welt stattfindet und nicht nahtlos in das Muster der nahöstlichen Konflikte passt. Zudem fühlen sich viele Menschen in der arabischen Welt selbst als Opfer von politischer Unterdrückung und Gewalt, sowohl durch die eigenen Regime als auch indirekt durch die Besetzung der Palästinensergebiete und nun auch noch die amerikanische Truppenpräsenz im Irak. Daher haben sie nur begrenzte Kapazitäten, sich auch noch für andere Opfer politischer Gewalt einzusetzen.

Mit seiner Vermutung, dass die eigenen politischen und religiösen Systeme mitschuldig sind an dem Erstarken des Terrorismus im Namen des Islam, steht der Intendant von Al Arabija in der Öffentlichkeit bisher noch relativ allein da. Es besteht die Gefahr, dass die Tat von Beslan allgemein als das Werk von Individuen abgetan wird, die vom rechten Pfad der Religion abgewichen sind. Al Raschid müsste den Mut haben, seine These nicht nur in einer von der Elite gelesenen Zeitung zu verbreiten. Er müsste sie im Hauptabendprogramm seines Fernsehsenders debattieren. Damit könnte er Millionen Menschen erreichen. Und so eine überfällige Debatte in Gang bringen.

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