Meinung : Im Gespräch über Ihn

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Von Christoph von Marschall

WO IST GOTT?

Es geschah auf einer Asienreise. Das Gespräch kam auf die Armut, die die buddhistische Mehrheit der Region mit geduldigem Lächeln ertrug, auf die christlichen Entwicklungshelfer, die sich vor jedem missionarischen Übereifer hüteten, und auf die geistlichen Führer der muslimischen Minderheit, die ihnen dennoch mit feindseligem Misstrauen begegneten. Eine junge Buddhistin sagte: „Wenn wir den Christen glauben sollen, müssten sie viel erlöster aussehen.“

Das ist das Problem mit den Christen und ihren Kirchen. Sie sagen von sich, dass sie eine frohe Botschaft haben. Aber die Freude darüber ist ihnen selten anzusehen. Sie strahlen sie kaum aus, sie bekennen sich ungern öffentlich zu ihrem Glauben, als hätten sie selbst kein rechtes Vertrauen oder empfänden Scham. Es ist ja gut, dass das Missionieren aus einem Gefühl der moralischen oder zivilisatorischen Überlegenheit der Vergangenheit angehört. Aber ist es auch gut, wenn an die Stelle einer falschen Arroganz eine beliebige Toleranz tritt – als sei jede Haltung, jede Denkungsart irgendwie gleichwertig? Wie viele Christen treten im Dialog mit anderen Religionen und Kulturen für ihre Überzeugung, ihre Werte ein?

Es gilt als geradezu unhöflich, im Gespräch mit Muslimen darauf zu bestehen, dass jedes Individuum nach christlichem Verständnis ureigene Rechte hat und sich auch der Glaubensgemeinschaft nicht unterordnen muss. Oder zu erwarten, dass der Kirchenbau in muslimischen Ländern ebenso unbehindert möglich sein müsste wie hierzulande der Bau einer Moschee. Es gilt als undiplomatisch zu fragen, ob man sich wenigstens darauf verständigen könne, dass die absichtliche Tötung unbeteiligter Zivilisten in Konflikten nicht zu rechtfertigen ist. Und wer die weltweite Geltung der Menschenrechte samt der Gleichberechtigung der Frauen einfordert, handelt sich leicht den Vorwurf ein, ein Zwangsexport speziell westlicher Werte sei kultureller Imperialismus.

Was uns unterscheidet

Das Bewusstsein für die christlichen Wurzeln unseres Wertesystems, der Grundrechte, des Sozialstaats, schwindet. Dabei ist es offenbar gar nicht so schwierig, Gott im Alltag zu entdecken. Nur das selbstverständliche Reden darüber fällt vielen Menschen schwer. Annähernd drei Jahre lange haben wir uns an dieser Stelle auf die Suche nach Gott begeben. Unsere Autorinnen und Autoren – Juden, Muslime, Christen, Atheisten – sind ihm in überraschend vielfältigen Situationen begegnet. In Alltagsmomenten, in der Fußgängerzone, im Strahl der Frühlingssonne, der durch die angelehnte Tür fällt, im Kleiderschrank. In Momenten der Not und Verzweiflung, am Totenbett, im Krieg und am 11. September. Und auch an Orten, wo man Ihn nicht vermutet: in den Stasiakten, in den Kerkern der Diktatoren.

Besonders bewegend waren Erzählungen jener Autoren, die selbst nicht an Ihn glauben können, aber in der Begegnung mit anderen Menschen erfahren durften, dass es da etwas geben muss – denn woher hätten diese Menschen sonst die Kraft und den Mut gehabt zu helfen, allen Gefahren zum Trotz?

Auf Großpapas Knie

Immer wieder waren es Kindheitserlebnisse, die den Weg zu Gott im Erwachsenenleben wiesen: das Gefühl der Geborgenheit beim Abendgebet, auf dem Elternschoß in der Kirche, auf Großpapas Knie beim Adventsliedersingen. Nicht zuletzt Eltern haben es in der Hand, ihren Kindern im späteren Leben überhaupt eine Wahlmöglichkeit zu eröffnen, ob die glauben wollen oder nicht. Denn dazu muss sie jemand an die Religion heranführen. Auch wenn Eltern selbst die Kirche meiden, können sie ihr Kind ermuntern, Freund oder Freundin in den Kindergottesdienst zu begleiten – oder es durch Spott über frommes Pfaffengerede entmutigen.

Im neuen Tagesspiegel am Sonntag werden andere Kolumnen auf der Meinungsseite stehen. Seinen Platz in dieser Zeitung aber wird Gott auch nach dem Relaunch haben – nicht nur in der Rubrik „Sonntags um zehn“ jeden Montag im Berlin-Teil und jeden Donnerstag auf der Seite „Glauben“ in der Beilage „Ticket“. Wer Ihn sucht, wird Ihn finden.

Der Autor ist Leitender Redakteur der Meinungsseite. Die ersten zwei Jahrgänge der Gott-Kolumne liegen als Buch vor: „Wo ist Er?“ und „Wo ist Er jetzt?“, Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Berlin 2002 und 2003, ISBN 3-7461-0173-5 und ISBN 3-7461-0192-1.

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