Meinung : Im Herbst der Protestanten

Die Lehre der Evangelischen Kirche ist aktuell, ihre Verfassung nicht

Robert Leicht

Immer wenn es herbstet, die Tage düsterer und kürzer werden, kommt der deutsche Protestantismus zu sich selbst: Auf den 31. Oktober fällt der Reformationstag und in die erste Novemberwoche die EKD-Synode. In diesem Jahr verlieh der Start des Luther-Films zum Reformationstag der Sache ein wenig mehr theatralischen Schwung. Und nun bringt, wie alle sechs Jahre, die Neuwahl des Rates der EKD etwas mehr Spannung in die Synode, die am heutigen Sonntag in Trier beginnt. Und wie ist die Lage sonst?

Im Grunde führen all die beliebten Vergleiche zwischen den Katholiken und den Protestanten (hier das angeblich noch relativ stabile, mehr durch Riten als durch Reden geprägte katholische Milieu, dort die mehr durch Pluralismus als durch Profil bestimmte protestantische Unübersichtlichkeit) am Kern der Sache vorbei. „Hilf Herr, die Heiligen haben abgenommen, und der Gläubigen sind wenige unter den Menschenkindern“ – so klagte schon der Psalmist vor Zeiten.

Jede Betrachtungsweise, die von einem einstmals intakten juste milieu ausgeht, in dem die Kirchen voll und die Leute fromm waren, seither aber nur Verfall registriert, ist ahistorisch und verkennt vor allem eines: Die Zeiten, in denen die christlichen Kirchen wirklich einmal dominierten, waren keineswegs die allerbesten – weder für Gottes Wort noch für Gottes Geschöpfe. Christliche Theologie aber muss sich an der Wahrheit orientieren und nicht am Erfolg. (Wenn übrigens die beiden christlichen Hauptfamilien derzeit „Erfolge“ verzeichnen, dann beide nicht in Europa, sondern in Afrika, Asien, Lateinamerika – übrigens mit fundamentalistischen Tendenzen, die noch zu mancher Entfremdung führen können.)

Wahrheit ist nun aber, wie ja bereits der Psalmist erfuhr, kein Erfolgsmodell, sondern sie ist nachgerade erfolgskritisch – wie ja auch die Kernbotschaft des Protestantismus. Wann jemals war es dringlicher als heute, den Menschen zu versichern, dass ihr Wert und ihre Würde nicht von ihnen selber verdient werden müssen (und können), dass also ihr Lebenssinn mehr wert ist, ja etwas ganz anderes darstellt als die Summe ihrer Taten und Untaten? Das ist der geradezu hochmoderne Kern der lutherischen Rechtfertigungslehre.

Aber parodoxerweise nimmt auch der Mensch der Moderne lieber das bittere Gift seines Scheiterns in Kauf, als auf die Droge seines vermeintlichen Erfolgs zu verzichten. Deshalb liegt auch ein religionsgeschichtlich aberwitziger Widerspruch darin, dass der Protestantismus zwar jeder „Werkgerechtigkeit“ kategorisch abgeschworen hat und zugleich eine rigide Arbeitsethik in die Welt gesetzt hat.

Wahrheiten kann man nicht machen, sondern nur weitersagen. Der deutsche (und europäische) Protestantismus hat kein Wahrheitsproblem, sondern ein Vermittlungsproblem. Er wurde lange Zeit als der „modernere“ Konfessionstyp betrachtet, heute ist er von einer geradezu dramatischen inneren und äußeren Provinzialisierung bedroht. Seine Strukturen sind nur noch Insidern verständlich – und auch das erst nach gründlicher Einarbeitung. Und seine Strukturdebatten richten sich mehr an den Ängsten der Insider aus als an den Bedürfnissen der potenziellen Adressaten.

Europa wird größer, wird östlicher und südlicher, vor allem aber deutlich „katholischer“. Aber der mittel- und nordeuropäische Protestantismus ist nach wie vor nationalstaatlich organisiert – und innerhalb der Nationen „konfessionell“ zersplittert, in Deutschland zudem in über 20 Landeskirchen. Noch nie haben sich französische, schottische, niederländische und deutsche Kirchenführer (um nur eine Auswahl zu nennen) substanziell über ihre unterschiedlichen Ansichten zur Bioethik unterhalten, von Angesicht zu Angesicht. Was man immer über die inneren Probleme, über die katholische Hierarchie denken mag, eine monarchische Weltkirche wirkt, so gesehen, gerade in ihrer Traditionalität irgendwie moderner.

Das also ist das kardinale Problem des Protestantismus: Der Widerspruch zwischen der Aktualität seiner Lehre und der Antiquiertheit seiner Verfassung. Doch derlei wird auf Synoden noch nicht verhandelt.

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