Meinung : Im Konzert der Sommernacht

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Von Habakuk Traber

WO IST GOTT?

Schwül sind die Abende jetzt oft, die Menschen suchen Erfrischung. Viele Kulturevents finden im Freien statt: Opern, Schauspiel, Konzerte, selbst Filmvorführungen.

Auch Kirchen eignen sich nach heißen Sommertagen dafür. Die steinerne Kühle der hohen Wände schafft Linderung. Das gedämpfte Licht, die nur noch wie aus weiter Ferne hereindrängenden Geräusche der Stadt und der Blick auf die Kirchenfenster lassen den Geist zur Ruhe kommen. Dann tragen die Orgeltöne die Erinnerung fort.

25 Jahre ist es her. In die gute, geordnete Welt der Neuen Musik im eingemauerten WestBerlin brach eine wieder erwachte Spiritualität ein. Die Musik, mit der sie sich verband, kam vor allem aus Osteuropa, aus der säkularsten aller möglichen Welten, wenn es nach den dort Herrschenden gegangen wäre. Diese Musik trug Religion in sich, berief sich auf Mysterien und Mystik – und das aus dem Reich des Sozialismus, der einmal das Himmelreich auf Erden errichten wollte. Verkehrte Welt? Manchmal ist es gut, wenn die Welt so verkehrt ist.

Jenseits des Vorhangs

Berlin bot damals dieser neuen Tendenz ein Forum. Auf großen Bühnen wie den Berliner Festwochen, aber auch auf eher kleinen wie in der Charlottenburger Epiphanien-Gemeinde. Ensembles und Künstler aus den osteuropäischen Ländern besuchten unsere Kirche. Sie spielten auf einer Orgel, die noch Fragment war und erst nach und nach zur geplanten Größe wuchs. Im Gegenzug konzertierte die Epiphanien-Kantorei 1979 in Polen, wenig später auch in der Tschechoslowakei und in Ungarn, in den späten achtziger Jahren, so bald es eben möglich war, auch in den baltischen Ländern.

Inzwischen gibt es den Eisernen Vorhang nicht mehr. Der Reiseverkehr herüber und hinüber gestaltet sich zwar manchmal noch schwierig, ist aber weniger mühsam und aufwändig als zur Zeit der Visa-Formalitäten. Die Epiphanienorgel ist ausgebaut – auch dank vieler Benefizkonzerte. Sie bietet einen Reichtum an klanglichen und technischen Möglichkeiten zur Darstellung der Musik verschiedenster Epochen. Die können wir aber erst in aller Vielfalt nutzen, wenn Musiker aus den verschiedensten Ländern ihrer Interpretation Ausdruck geben, ihre unterschiedlichen Erfahrungen und kulturellen Erlebnisse zum Klingen bringen.

Aus der Ferne so nah

In diesem Sommer sind wieder Künstler aus Ländern zu Gast, die dem West-Berliner Bewusstsein sehr weit entrückt zu sein schienen. Demnächst werden sie zu unserer gemeinsamen Europäischen Union gehören. Berlin, nun freue dich, sollte man meinen. Vorgestern Abend spielte der Prager Jaroslav Tuma, nächsten Freitag der Pole Slawomir Kaminski aus Posen, die Woche drauf Gábor Trajtler aus Budapest. Dann Jurate Landsbergyte aus Litauen und schließlich, am 29. August, der Lette Atis Stepins aus Riga. Sie spielen vornehmlich Werke aus ihren Ländern, quer durch die Epochen, porträtieren ihre Heimatländer, die demnächst der EU beitreten werden, musikalisch.

Der Autor hält die Einführungsvorträge bei Konzerten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und ist Dramaturg der Münchener Biennale für neues Musiktheater.

Die Konzerte in der Epiphanienkirche in Charlottenburg-Westend beginnen jeweils freitags um 20 Uhr mit einem Einführungsvortrag über das jeweilige Land.

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