Meinung : Im Lebensstau

Von Moritz Schuller

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Die Lage ist unverändert: Deutschland vergreist. Wie man den Vorgang im Einzelnen beschreibt und die Statistiken dabei auswertet, ob man auf die zunehmende Zahl von Singles abhebt, wie der „Familienreport 2005“ der Konrad-Adenauer-Stiftung und bedrohlich vor der „lebenslangen Kinderlosigkeit“ warnt, ist dabei weniger wichtig. An der Tatsache, dass die deutsche Gesellschaft veraltert, ist nicht zu rütteln; darauf hinzuweisen, ist immer richtig.

Dass sich die demographische Entwicklung so verhält wie die Erderwärmung – die Folgen sind erst in Jahrzehnten zu spüren – macht das Kernproblem deutlich: Heute zu handeln bedeutet, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Das muss man wollen – nicht nur die, die sich für ein Kind entscheiden, sondern auch der Rest der Gesellschaft. Und damit der Rest in diesen ökonomisch geprägten Zeiten zu nachhaltigem Handeln verleitet wird, berechnen wir nicht nur der Wert von CO2-Emissionen, sondern auch den Geldwert der Kinder. Die „positive fiskalische Externalität“, also der finanzielle Vorteil für den Staat, eines Kindes, das in die Sozialsystem hineinwächst, beläuft sich laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung auf rund 77 000 Euro. Wer also ökonomisch denkt, fordert zu Recht, dass Eltern materiell viel besser gestellt werden müssen.

Gleichzeitig wissen wir, dass die Zurückhaltung, Kinder in die Welt zu setzen, sich durch Geld allein nicht abbauen lässt. Die durchschnittliche reale Kaufkraft einer Kleinfamilie von heute entspricht zum Beispiel ziemlich genau jener von Eltern der geburtenstärken Jahrgängen 1955 bis 1965. Verändert hat sich seitdem nicht die Menge des Geldes, sondern der Verlauf der Biographien. Wer 1955 mit 20 ein Kind in die Welt setzte, konnte davon ausgehen, sein Leben lang denselben Beruf zu haben. Wer heute mit 30 noch Praktikant ist, setzt kein Kind in die Welt. Die Bosch-Studie spricht einprägsam von dem „Lebensstau“, der heute zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr eintritt und maßgeblich für das Verschieben der Kinderkriegens verantwortlich ist.

Diesen Lebensstau aufzulösen, ist eine komplexe, aber in erster Linie keine ökonomische Herausforderung. Es ist die Herausforderung an die ganze Gesellschaft, die Grundlagen für flexiblere Lebens- und Berufsverläufe zu schaffen.

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