Meinung : Im Lokalen liegt die Kraft

Turnfeste und Nachbarschaftsinitiativen: Wie Bürger sich ihre Welt gestalten

Clemens Wergin

Als die Soziologen Amitai Etzioni, Robert Bellah und William Galston 1991 in Washington die erste „kommunitaristische Plattform“ gründeten, verstanden sie sich als eine Art liberaler Reparaturbetrieb der globalisierten Welt. Die egoistische „Ich-Gesellschaft“ sei dabei, das Netz gesellschaftlicher Bezüge zu zerstören, lautete ihre Analyse. Sie regten an, dass sich die Bürgergesellschaft durch lokale Zusammenschlüsse ein Stück Gestaltungsspielraum zurückerobern sollte.

Die gesellschaftliche Entwicklung, die damals zur Herausbildung der kommunitaristischen Philosophie führte, hat längst auch den Kontinent erreicht. Gerade in den letzten Jahren fühlen sich immer mehr Europäer der Globalisierung ohnmächtig ausgeliefert. Die Attac-Bewegung ist genauso ein Ergebnis davon wie die Anti-EU-Stimmung in Frankreich und anderswo. Das Vertrauen in traditionelle Organisationen wie Parteien, Verbände und Gewerkschaften nimmt ab, weil man ihnen nicht zutraut, unsere Lebensverhältnisse noch gestalten zu können.

Erstaunlich ist jedoch, dass die Kommunitaristen eine so geringe Rolle in der aktuellen Debatte spielen. Dabei knabbert die Globalisierung auch hier am sozialen Gefüge. Aber dass die neue Mobilität und Flexibilität Familien zerreißen oder gar deren Gründung verhindern, spielt nur in familienpolitischen Debatten eine Rolle. Dabei sind es dieselben Phänomene, die verhindern, dass sich Bürger zu Interessenvertretungen zusammenschließen oder an ihrem Wohnort ein Netz von sozialen Beziehungen aufbauen. Dem pendelnden, mal hier, mal dort lebenden Homo oeconomicus fällt es schwer, sich als soziales Wesen zu verorten.

Wer aber allein von den traditionellen politischen Großorganisationen Abhilfe erhofft, schaut in die falsche Richtung. Die mehr als eine halbe Million eingetragenen Vereine in Deutschland zeigen, genauso wie die Zahl von Menschen, die Deutschlands Turnvereine dieser Tage nach Berlin bringen, dass es noch viele gut funktionierende soziale Strukturen in diesem Land gibt. Und dass es nicht wahr ist, dass sich die Jüngeren zunehmend aus der Gesellschaft zurückziehen. Wie die letzte Shell-Jugendstudie herausgefunden hat, ist nur ein Viertel der Jugendlichen überhaupt nicht gesellschaftlich aktiv.

Es ist eine banale Erkenntnis, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das sich über Gemeinschaft definiert. Aber es lohnt sich, es zuweilen in Erinnerung zu rufen. Es ist ja beileibe nicht nur eine Erfahrung von Arbeitslosen, sondern auch von Rentnern, jungen Müttern (und wenigen Vätern), die wegen eines Kindes zu Hause bleiben: Sobald man den sozialen Rahmen verlässt, den die Arbeitsstelle bietet, fällt man aus der bisherigen Welt heraus. Und da ist es gut, wenn man noch andere Bezugsrahmen hat – Familie, Freunde oder eben soziale Gemeinschaften wie Vereine oder Initiativen.

Vielleicht haben die Kommunitaristen diese Zusammenschlüsse auf lokaler Ebene zu politisch-philosophisch überfrachtet. Aber angesichts von periodischen Großereignissen wie Turnfesten oder Kirchentagen wird auch den individualistischen Großstädtern vor Augen geführt, was für eine enorme Bindungskraft Vereine und andere Gemeinschaften immer noch haben. Und dass jeder von uns seine soziale Welt mitgestalten kann. Globalisierung hin oder her.

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