Meinung : Im Machbarkeitswahn

Bernd Ulrich

Eine der wichtigsten und drängendsten Fragen dieses Jahrhunderts lautet: Wie überwindet die muslimische Welt ihre Modernisierungskrise? Es ist offenkundig, dass die Anschläge des 11. September mit der Krise der islamischen, insbesondere der arabisch-islamischen Welt zu tun haben. Der internationale Terrorismus ist eine Verfallsform islamischer Staaten und zugleich ein Ventil für den ansteigenden Druck in diesen Gesellschaften. Schon seit ihrer Gründung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ist die Herrschaft in den Staaten des Mittleren und Nahen Ostens prekär. Sie wird aufrechterhalten durch Despotie, durch den Öl-Reichtum, der in minimalen Portionen an die Bevölkerung weitergeleitet wird - und durch eine dünne Schicht von Legitimität.

Die wiederum hat religiöse, monarchistische oder nationalrevolutionäre Quellen. Letztere spielt in Libyen, dem Irak und für die Palästinenser eine herausragende Rolle. Saddam, Gaddafi und Arafat vertreten mit mehr oder weniger Erfolg eine Revolution in Permanenz, deren Ende absehbar ist, weil ihre Führer sterben oder schon zuvor gestürzt werden. Labil ist die Lage jedoch auch in Saudi-Arabien, deren Herrscher sich teils monarchisch, teils religiös legitimieren. Der dort herrschende Clan spielt seit Jahren das riskanteste Doppelspiel. Sie sind verbündet mit den USA, und sie unterstützen inoffiziell den islamischen Terrorismus.

Unter dem Druck der Modernisierung, auch westlicher Verführungskultur, brechen diese inneren Widersprüche auf. Ihr Auswurf, Islamismus, Terrorismus und das Streben nach Massenvernichtungswaffen, wird von den je herrschenden Despoten unterstützt und betrieben. Wenn aber der Preis der äußeren Stabilität in der Region Terrorismus und Aufrüstung sind, dann kann sie nicht mehr das herausragende Ziel des Westens sein. Wer den internationalen Terrorismus an den Wurzeln bekämpfen will, der muss insofern ein Interesse daran haben, in den Umwälzungsprozess einzugreifen und in so vielen islamischen Staaten wie möglich säkulare - und ein wenig modernere - Herrschaftssysteme nach dem Vorbild der Türkei oder neuerdings Pakistans zu etablieren. Bekämpfung des internationalen Terrorismus bedeutet also: völlige Neuordnung der arabisch-islamischen Welt. An diesem grundsätzlichen Ziel lässt sich aus westlicher Sicht kaum herumdeuteln. Die Frage, über die Europa und die USA gerade in einen tiefen Streit geraten, lautet jedoch: Mit welchen Mitteln und wie schnell?

Die Amerikaner durften in den letzten Monaten viele, zu viele gute Erfahrungen mit einer militärisch gestützten Hegemonial-Strategie machen. Der Afghanistan-Krieg hat ihnen gezeigt, dass die Europäer politisch unwichtiger und militärisch unfähiger sind als vermutet. Die berüchtigten "arabischen Massen" haben dem Bomben in Afghanistan untätig zugesehen, das fragile Pakistan erwies sich als stabil und käuflich.

Als nächstes: die Saudis

Aus Schaden wird man klug, durch zu viele Siege möglicherweise weniger, zumindest unvorsichtig. Jedenfalls hat sich in der US-Administration die Vorstellung breit gemacht, man könne mit militärischem Druck, ergänzt um das komplette außenpolitische Arsenal, die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens in absehbarer Zeit neu ordnen. Beginnend mit dem Irak - noch lange nicht endend beim fundamentalistischen Wahabismus des Hauses Saud. Das alles liefe auf den größten militärisch gestützten Ordnungsversuch seit dem Zweiten Weltkrieg hinaus, mit unabsehbaren Nebenfolgen versteht sich.

Wenn jetzt die meisten Europäer, auch die Deutschen, so heftig gegen eine Ausdehnung des Anti-Terror-Krieges auf den Irak Stellung beziehen, dann hängt das nicht mit einer plötzlich ausgebrochenen Saddam-Freundlichkeit zusammen, sondern mit jenem über den Irak weit hinaus weisenden Neuordnungsszenario. Friedrich Merz unterstellt, der deutsche Außenminister schlage kritische Töne gegenüber den USA an, weil er für die anti-amerikanischen Grünen Wahlkampf macht. Wahrscheinlich ist daran etwas. Es steht allerdings zu befürchten, dass Fischers, Vedrines und Pattens Äußerungen auch etwas mit dem zu tun haben, was die USA tatsächlich vorhaben.

Doch selbst wenn Amerika eine Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens nicht mit Nachdruck plante, so würde ein Krieg gegen den Irak doch mit hoher Wahrscheinlichkeit dahin führen. Denn unabhängig davon, ob der Angriff mit der UN geführt wird oder ohne, ob Beweise vorliegen oder keine - das unweigerliche Kriegsziel wäre der Sturz Saddam Husseins. Alles andere verkäme zur bloßen Wiederauflage des George-Bush- durch einen George-W.-Bush-Krieg. Saddams Sturz jedoch wäre ein überstarkes Signal an alle Staaten in der Region, auch an die Saudis, dass bald sie an der Reihe sind, neu geordnet zu werden. Nicht zuletzt, weil Saudi-Arabien unter dem Gesichtspunkt der Unterstützung des Terrorismus mindestens so gefährlich ist wie der Irak.

Es stellt sich für viele in Europa im Moment so dar, als hätten die USA nach dem 11. September ihre Strategie gewechselt. Nicht mit vielen - der breiten Anti-Terror-Koalition - gegen einen - Afghanistan -, sondern allein gegen einen nach dem anderen. Das ist die Kette: Irak, Iran, Saudi-Arabien, Syrien, Libyen. Wenn das so ist, dann wird man in den kommenden Monaten eine tiefe Erschütterung der Weltpolitik erleben. Für den arabischen Raum ohnehin, nicht zuletzt für Europa. Der US-Krieg gegen den Irak könnte der erste seit fünfzig Jahren sein, bei dem in Europa nicht die jeweiligen Oppositionen, sondern die Regierungen und die große Mehrheit der Bürger gegen die USA stehen, zumindest aber abseits. Kann es wirklich wahr sein, dass den Amerikanern das gleichgültig ist?

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