Meinung : Im Minenfeld von Kabul

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Von Walter Mixa

WO IST GOTT?

Auch ein kirchlicher Würdenträger muss, entgegen manch anders lautender Meinung, von Zeit zu Zeit dazulernen, zumal als Militärbischof. So jedenfalls ging es mir bei meinen Besuchen bei den deutschen Soldaten im Auslandseinsatz. Fast zehntausend Frauen und Männer leisten Beachtliches bei den multinationalen Verbänden vor allem auf dem Balkan und in Afghanistan. Im „Camp Warehouse“ von Kabul habe ich einige Tage die Lebensbedingungen des Feldlagers geteilt.

Wo ist Gott in einem Land, das über Jahre so viel gelitten hat unter Krieg, Bürgerkrieg und sinnlosem Extremismus? Und es waren doch gerade die radikalen islamistischen „Gotteskämpfer“, die das Land an den Rand des Abgrunds getrieben haben. Kaum war ich auf dem Flughafen gelandet, wurde ich Augenzeuge, wie ein junger Mann am Straßenrand von einer der zahllosen Minen schwer verletzt wurde. Die größten Nöte dieser Welt sind in Kabul mit Händen zu greifen. Die internationale Völkergemeinschaft tut was sie kann, um menschliches Elend und politisches Chaos Schritt für Schritt zum Besseren zu wenden.

Extreme Situationen verleiten zu vorschnellen Urteilen. Manche hegen den Verdacht, Religionen seien von Grund auf „fundamentalistisch“, was immer das heißen mag. Meine Überzeugung ist: die Religiosität, ganz wesenhaft tief im Menschen verankert, kann auch fehlgeleitet werden. Nicht umsonst warnt das zweite Gebot schon in der Frühzeit Israels vor dem Missbrauch des Gottesnamens. Allzu vielen gelingt es stets von neuem, die menschliche Sehnsucht nach Gott von seinem wahren Ziel abzulenken und einzuspannen in den Dienst zerstörerischer Ideologien. Wer im Herzen die Stelle Gottes besetzt, der hat den Menschen ganz in der Hand.

Ja, es geschah und geschieht immer noch, dass im Namen Gottes zu Hass und Krieg aufgerufen wird. Doch auf den Gott der Bibel können sich solche Demagogen nicht berufen. Gott ist nicht einfach so, wie wir ihn jeweils gerne hätten. Das hieße ja, sich einen Götzen machen nach seinem eigenen Bild. So ist es für mich ein großes Defizit unserer Zeit, diese Kluft im religiösen Denken: für die einen gibt es nur den „lieben Gott“ bis zur Karikatur, die anderen dagegen kennen genau den Katalog seiner Strafen. Wie gut, dass es da die Heilige Schrift gibt und die Lehre der Kirche, die Orientierung geben und herausführen aus der Sackgasse verengter individualistischer Vorstellungen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat für die katholische Kirche in der schwierigen Frage des Friedens erklärt: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei.“ Ganz schön weitblickend und, man gestatte mir den Hinweis, typisch katholisch, diese Forderung nach einer internationalen Autorität, die den Frieden sichern und fördern soll. Denn nicht um die einzelne Nation geht es, sondern um das Wohl der gesamten Völkergemeinschaft. Wofür auch deutsche Soldaten einstehen in ihren Einsätzen unter dem Mandat der Vereinten Nationen.

Der Autor ist Bischof von Eichstätt und Katholischer Militärbischof für die Bundeswehr.

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