Meinung : Im Museum der Moderne

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Von Friedhelm Mennekes

WO IST GOTT?

Der Ort ist die alte Kapelle im Schloss des Marquis de Sade. Sie ist vollkommen leer und die sechs Künstlerinnen aus Amerika, die bei dem Kunstprojekt mitmachen, sollen diesen Raum mit Kunst ausfüllen. Sie sollen das Sakrale ausloten. Die eine zum Beispiel, die aus einem streng baptistischen Ort stammt, hat sich eine Papstkrone aufgesetzt, eine 50 Zentimeter hohe Tiara, sie hat sich kostümiert, ihr Haar gerichtet, Ohrringe angelegt. Sie wurde sozusagen zur Päpstin, auch wenn sie das Religiöse gar nicht interessiert hat, sondern die Kostümierung.

In dem Kunstprojekt im Chateau de Lacoste in Südfrankreich, an dem ich gerade zusammen mit dem Savannah College of Art and Design in Georgia arbeite, lässt sich die moderne Beziehung zwischen Kunst und Kirche wunderbar ablesen. Was lange eine Einheit gebildet hat, ist nun getrennt. Diese Distanzierung beginnt mit der Renaissance: Gott ist nicht mehr in der Kunst, die Kunst entdeckt sich selbst. Ob in der Kapelle vom Marquis de Sade oder in der Kunst-Station Sankt Peter, meiner eigenen Kirche in Köln oder in den Werken des Museum of Modern Art, die in diesen Tagen nach Berlin kommen: Die moderne Kunst ist längst eine eigene Einheit. Sie hat, ganz im wörtlichen Sinne, den Raum der Kirche verlassen, sie ist autonom.

In der zeitgenössischen Kunst tauchen religiöse Motive durchaus noch auf, in Barnett Newmans „Stations of the Cross“ etwa oder bei dem Altarbild „Ich habe Angst“ von Rosemarie Trockel oder in Barbara Krugers Arbeit – die Kunst ist natürlich offen für christliche Fragestellungen. Doch die ausdrücklich christliche Kunst hat sich ausgelaufen. Das Religiöse hat die Kunst immer als Illustration missbraucht, als eine Verlängerung des Wortes. Kunst war lange nur Einrichtungsgegenstand: Der Betrachter sieht, was man von ihm verlangt. Und Kunst, die man immer sieht, sieht man nicht mehr. Diese Zeit ist vorbei, und das ist ganz wesentlich.

Die moderne Kunst hat die traditionelle Zweierbeziehung zwischen religiöser Malerei oder Bildhauerei und dem Betrachter in eine Dreiecksbeziehung verwandelt. Nun tritt Kunst, die nur Kunst ist, dem Religiösen entgegen. Die Spannung entsteht nicht im Raum oder im Bild, sondern zwischen Raum und Bild und dem Betrachter.

Dabei geht es nicht darum, die Bruchstellen zu kitten, im Gegenteil. Das Anliegen der modernen Kunst – und auch der Kirche – kann es nur sein, diese Spannung deutlich zu machen. Die Kirche als Raum muss entkonfessionalisiert werden. Umgekehrt darf sich Kunst nicht mit der Religion versöhnen, sondern muss mit ihr eine Partnerschaft eingehen. Das ist durch die Emanzipation der Kunst von der Religion möglich geworden. Sie kann den Raum aufladen mit Fragen – als gleichberechtigte Einheit. In solcher Kunst ist Gott mit inneren Augen zu sehen.

Friedhelm Mennekes, SJ, ist Professor für Praktische Theologie und Gründer der Kunst-Station Sankt Peter Köln, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst und Musik.

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