Meinung : Im Schatten des Irak

Zwischen Israelis und Palästinensern herrscht Krieg – aber keiner schaut hin

Martin Gehlen

Stille Nacht in Bethlehem. In der Geburtsstadt Jesu herrscht Ausgangssperre, Panzer patrouillieren durch die Straßen, christliche Pilger sind unerwünscht. Bei der Christmette am Heiligen Abend werden die wenigen Geistlichen und Ordensleute der Stadt wohl unter sich sein. Kein Fest der Hoffnung und der Versöhnung. Der Vatikan schweigt, Jassir Arafat sitzt in seinem abbruchreif geschossenen Palast in Ramallah fest. Und Israels Ministerpräsident Ariel Scharon verweigert ihm erneut den Weihnachtsbesuch in der Geburtskirche.

Ein Jahr zuvor hatte dieser Willkürakt Scharons noch für erregte Diskussionen und diplomatische Aktivitäten gesorgt. In diesem Jahr wird er nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen als eine Facette brutaler Routine vor Ort. Die USA sind mit dem Irak-Konflikt absorbiert, die Europäische Union mit ihrer Erweiterung und die arabischen Staaten mit ihren inneren Problemen und gegenseitigen Spannungen. Unversehens ist der Nahost-Konflikt aus der internationalen Tagesordnung herausgerutscht. Die Welt schaut weg. Der tägliche Horror hat sie abgestumpft. Alle Mühen – ob von Präsidenten, Staatschefs, Außenministern, Diplomaten, Kirchen oder gutwilligen Bürgern – waren ohne Erfolg.

Schlimmer noch: Inzwischen geht der blutige Konflikt in sein drittes Jahr, ohne dass die Erbitterung und die Brutalität, mit der er geführt wird, nachlassen. Auf beiden Seiten zeigen sich schwere Verwüstungen – in den Köpfen, in den Gesellschaften und im Verhältnis zu den anderen Nationen der Welt.

Die palästinensische Selbstverwaltung ist diskreditiert und zerstört. Schulen und Universitäten funktionieren nicht mehr. Stattdessen werden Halbwüchsige als Helden verehrt, wenn sie israelische Familien mit Sprengstoffgürteln mit in den Tod reißen. Die meisten Institutionen, die nach den Oslo-Verträgen aufgebaut wurden, liegen in Trümmern. Schießereien bestimmen den Alltag, islamistische Banden kontrollieren die Straße. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Kinder hungern, für die Vereinten Nationen ist ihre Lage mittlerweile vergleichbar mit der Situation im Kongo oder in Simbabwe. Westbank und Gaza-Streifen sind angekommen bei Stunde null. Das Kulturleben ist erloschen. An den Wiederaufbau der Infrastruktur ist gar nicht zu denken.

Die zweite Intifada ist gescheitert. Sie hat den Weg zu einem unabhängigen Palästinenserstaat nicht verkürzt, sondern länger gemacht. Und sie hat eine schwere Hypothek erzeugt für die weitere innere Entwicklung der palästinensischen Gesellschaft.

Aber auch auf der anderen Seite des gigantischen, neuen Anti-Terror-Zauns wachsen Armut, Aggressionen und Verzweiflung. Israel ist den Palästinensern militärisch haushoch überlegen. Doch der verdeckte Krieg hat ebenfalls tiefe Wunden in das zivile Gewebe der Gesellschaft geschlagen. Junge Leute verrohen im Militärdienst, haben als Präzisionsschützen vielleicht schon den Tod eines Kindes auf dem Gewissen. Politische Scharfmacher führen das Wort und hetzen die Öffentlichkeit auf.

Das politische Spektrum erfährt einen starken Schub nach rechts. Besonnene Mit-Architekten des Oslo-Prozesses schaffen es bei der Partei der Friedensnobelpreisträger Rabin und Peres nicht einmal mehr auf sichere Listenplätze für die kommende Knessetwahl. Alle mühsam aufgebauten Kontakte zu arabischen Nachbarländern sind abgerissen. Einziger Fluchtpunkt aus der Misere daheim ist noch der Ben-Gurion-Flughafen nahe Tel Aviv. Touristen meiden das Land. Die Wirtschaft hat so stark gelitten wie nie zuvor seit der Staatsgründung – Stunde null auch in Israel.

Die Politik der militärischen Vergeltung ist gescheitert. Sie hat weder Frieden noch Sicherheit vor Terror gebracht, nach denen sich die Mehrheit der israelischen Bürger sehnt. Die internationale Gemeinschaft hat derzeit anderes zu tun, als im Nahen Osten weiter nach einer Lösung zu suchen. Friedenspläne, an die sich niemand hält, gab es genug. Und kaum ein hochrangiger Politiker lässt sich noch in der Region blicken. Stille Nacht auch in Tel Aviv.

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