Meinung : Im Schatten des Pirschpferdes

Wer nimmt die Jagd auf Edmund Stoibers Amt an?

Robert Leicht

Das „Stalking“ ist ja nun endlich verboten, also das unerwünschte Anpirschen an Personen – oder wie es unser Gesetz seit Neuestem sagt: „Wer einem Menschen unbefugt nachstellt …“ In gewisser Weise könnte man sogar sagen, dass Stoibers Bürochef Michael Höhenberger nicht nur seinen Job zu wechseln hatte, sondern sich eigentlich auch strafrechtlich verantworten müsste, dann er hatte ja der Fürther Landrätin Gabriele Pauli nachgestellt. Nun aber wird Frau Pauli selber, falls das nicht zu ungalant klingt, selber zu einem „stalking horse“ – und zwar gegen Edmund Stoiber. Aber was ist das für ein Tier?

Rein wörtlich betrachtet, handelt es sich beim „stalking horse“ um ein Pferd, das so abgerichtet ist, dass ein Jäger sich – wie immer sich beide bewegen – auf der Pirsch stets hinter ihm verbergen kann, und zwar vor dem zu erlegenden Wild. Bildlich verwendet stammt der Begriff aus dem britischen Partei- und Parlamentsleben. Ist dort ein Anführer, sei es der Premierminister oder der Oppositionsführer, schlapp geworden (wie – sagen wir – Stoiber bei uns), kommt es zu einem „leadership contest“. Das heißt, der angeschlagene Anführer bekommt es bei nächster Gelegenheit mit einer internen Abstimmung und einem Gegenkandidaten zu tun. Doch bei dieser Gelegenheit treten zunächst nicht ein, zwei, drei ernsthafte Herausforderer auf, sondern zunächst schickt man eben ein „stalking horse“ ins Rennen. Dabei handelt es sich um jemanden, der im Ernst sich nie als Premierminister bewerben oder eignen würde, der aber zwei Vorzüge genießt: zum einen können sich gleich mehrere „Jäger“ auf ihrer Pirsch hinter diesem „stalking horse“ verbergen, zum Zweiten aber kann eine solche Abstimmung erst einmal zeigen, wie angeschlagen und unbeliebt der bisherige Anführer ist, ohne dass ein potenziell ernsthafter Kandidat sich als illoyal erweisen und seine künftigen Aussichten unnötig beschädigen müsste.

Genauso weit ist es nun mit Stoiber gekommen, im übertragenen Sinne. Frau Pauli ist inzwischen die Rolle des Pirsch-Pferdes zugewachsen, in deren Schatten nun nicht nur unter Beweis gestellt werden kann, wie angezählt der bayerische Ministerpräsident bereits ist, sondern außerdem die Demontage Stoibers weiter vorangetrieben wird – bis sich dann ein ernsthafter Machtanwärter hinter dem „stalking horse“ hervorwagt. Überraschend daran ist eigentlich nur, dass es eine solche „Nachstellung“ war, die den Skandal auslöste, der zum politischen Ende Stoibers beitragen könnte. Denn genau auf dieselbe Weise („Gibt’s denn da gar nix, was man dem/der anhängen könne?“) war Stoiber doch erst Chef der bayerischen Christsozialen und hernach Ministerpräsident geworden. Oder erinnern wir uns etwa nicht mehr, wie er – pardon: natürlich nur seine engsten Mitarbeiter (und Höhenberger war auch damals schon dabei gewesen!) – seinen Mitbewerber, den grundanständigen Theo Waigel, wegen dessen ganz unverschuldeter, tragischer Ehekrise hatte hintenherum schlechtreden lassen? Da gab’s halt was, was sich ihm, auf filser-deutsch gesagt, gut christ-katholisch-bayerisch anhängen ließ … Wir befinden uns also, juristisch-politologisch gesprochen, in einem nachgerade milieutypischen Fortsetzungszusammenhang, der freilich dadurch schon etwas gelockert wurde, dass die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier zwar sowohl von ihrem Vater als auch von dessen Stallmeister Stoiber viel gelernt, aber bei der Drohung, jemanden etwas anzuhängen, grob gepatzt und darob ihre Ämter verloren hatte.

Ein „stalking horse“ also hätte die CSU schon. Die Frage ist nur, ob es in der ganzen Partei mindestens einen ernsthaften Jäger gibt, der sich dahinter verbergen könnte.

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