Meinung : Im Staube Brandenburgs

Nach dem verlorenen Ost-Arbeitskampf braucht die IG Metall eine Zukunftsdebatte

Alfons Frese

Martin Kannegiesser ist ein kluger Kopf. Der Unternehmer aus Westfalen weiß um die Bedeutung einer funktionierenden Gewerkschaft. Und deshalb macht er sich in diesen Tagen Sorgen um die IG Metall – als Unternehmer und als Arbeitgeberpräsident. So ein Zyniker, könnte man meinen, schließlich waren es doch die Arbeitgeber, die der IG Metall die verheerende Niederlage im Osten beigebracht haben. Doch zwei Punkte relativieren diese Einschätzung: Zum einen hätte es ohne den Einsatz von Kannegiesser (und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel) den letzten Versuch einer friedlichen Lösung des Tarifkonflikts gar nicht gegeben. Zum anderen zeigt der aktuelle Wirrwarr in der IG Metall, wer die Hauptschuld am verlorenen Arbeitskampf trägt: die IG Metall selbst.

Das Ziel war falsch: Die Zeiten für kollektive Arbeitszeitverkürzungen sind vorbei. Die Mittel zum Ziel taugten nicht: Die Streikfähigkeit in den Betrieben wurde überschätzt. Die Rahmenbedingungen wurden ignoriert: Die Krise der Wirtschaft, das miese Image der Gewerkschaften. Diesen Arbeitskampf konnte die IG Metall nicht gewinnen. Und weil die Arbeitgeber das wussten, haben sie sich beinhart einem Kompromiss verweigert und mehr oder weniger bewusst die sieggewohnte IG Metall gedemütigt.

Das ist gefährlich, denn „wir brauchen durchsetzungsfähige Gewerkschaften“. Das sagt nicht Zwickel, sondern Kannegiesser. Weil der Arbeitgeber weiß, dass man eine starke IG Metall braucht, um zu „erarbeiten, wie wir stärker werden können in unserem Land“. Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam. Wie denn auch sonst?

Nun liegt aber die IG Metall im Staub, und es ist nicht erkennbar, wann sie sich wieder aufrappelt. Im Gegenteil. Die Aufarbeitung der Niederlage reißt sie auseinander. Das kann auch gar nicht anders sein, denn es geht nicht nur um die Verarbeitung einer einmaligen Schlappe, sondern um die künftige Politik der IG Metall. Und deshalb ist es gut, dass dieser Richtungsstreit jetzt stattfindet. Da muss die IG Metall durch.

Die Metallergewerkschaft ist eine zentralistisch geführte Organisation, die sich seit Jahrzehnten als Avantgarde der Arbeiterbewegung begreift. Groß, stolz, mächtig. Und träge. Auf der Höhe der Zeit ist sie nicht – sonst hätte nicht das fatale Missverständnis entstehen können, im Osten habe ein Arbeitskampf für 35 Stunden Aussicht auf Erfolg, weil das vor 20 Jahren im Westen auch mal geklappt hat. Große Teile der IG-Metall-Funktionäre, häufig seit Jahrzehnten im Geschäft, glauben noch immer an eine Gewerkschaft als Gegenmacht, die für Verteilungsgerechtigkeit sorgt und Arbeitnehmerrechte verteidigt. Am besten gesteuert aus der Frankfurter Zentrale. In diesem Glauben sind vielen Metallern über die Jahre Scheuklappen gewachsen. Sie nehmen nicht mehr wahr, wie die Gewerkschaft in der Bevölkerung wahrgenommen wird. Sie erkennen nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Kulisse in der sie sich bewegen. Und sie sind noch immer so selbstgefällig, dass der Verlust von Hunderttausenden Mitgliedern in den letzten Jahren sie nicht stutzig macht. In den Köpfen dieser Metaller findet man keine Vorstellungen über die Zukunft.

Die Niederlage im Osten kam zur rechten Zeit, weil sie die Gewerkschaft zu einer Selbstvergewisserung zwingt; eine Chance, sich auf die Zukunft einzustellen. Oder „langfristig keine Rolle mehr zu spielen“, wie Martin Kannegiesser meint – und befürchtet.

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