Meinung : Im toten Winkel

Elke Windisch

Der Kampf gegen den Terror schafft Freundschaften, auch das. Gleich mehrfach trafen sich Tony Blair und Wladimir Putin in den jüngsten Monaten - nun wollen sie sogar Geheimdienstinformationen austauschen. In Afghanistan seien Russen und Briten einst Rivalen gewesen, unterstreicht man in London. Putin erklärt das Jahr 2001 zum "Wendepunkt im Schicksal der Welt."

Auch im Kaukasus waren Empire und Zarenreich Gegner, in Tschetschenien freilich warten die Menschen noch auf die Wende des Schicksals. Der 11. September und der Kampf gegen die Taliban haben der Region zwar eine Atempause gebracht - aber keine erwünschte: mediale Funkstille. Die Kameras stehen in Afghanistan, die Weltöffentlichkeit erfährt nichts mehr über Russlands Feldzug im Kaukasus. Der Partisanenkrieg geht weiter, mit Fronten, die überall und nirgends verlaufen, mit fast täglichen Schießereien, mit Minenexplosionen und fragwürdigen "Säuberungen" in Gebieten, die angeblich längst befriedet waren. Mit den spektakulären Bildern des Feuersturms in Tora Bora kann das jedoch nicht mithalten.

180 000 tschetschenische Kriegsflüchtlinge bibbern sich im benachbarten Inguschetien in durchlöcherten Zelten bei Brot und Wasser durch den dritten Winter. Wer will die Bilder sehen angesichts fünf Millionen afghanischer Flüchtlinge in Pakistan und Iran? Die tschetschenischen Frauen tun sich ebenfalls schwer, mit den Afghaninnen um das Mitgefühl des christlichen Abendlandes zu konkurrieren; sie tragen ja nur Kopftuch, nicht Burka oder Schleier.

Moskau ist es zufrieden. Die harten Worte von Lord Judd, Tschetschenien-Beauftragter des Europarates, verhallten ungehört: Bei seiner jüngsten Reise durch Tschetschenien im November konnte er keine Verbesserung der Menschenrechtslage erkennen. Kanzler Schröder hatte Putin bei dessen Deutschland-Besuch Ende September versichert, nach den Terror-Anschlägen in den USA müsse die Welt den Krieg im Kaukasus differenzierter betrachten. Putin interpretiert den Feldzug als seinen Beitrag zum Kampf gegen die terroristische Internationale. Auch Präsident Bush beschränkte sich bei Putins Besuch auf der Ranch in Texas Mitte November auf die halbherzige Ermahnung, Moskau solle eine politische Lösung im Kaukasus anstreben. Er hat es der Intervention des Kreml zu verdanken, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien den westlichen Alliierten Luftraum und Flugplätze zur Verfügung stellen.

Es kam dann sogar zu Friedensverhandlungen mit Tschetscheniens Präsidenten Maschadow. Sie scheiterten allerdings binnen kurzem. Moskau bestand auf bedingungsloser Kapitulation der Freischärler und deren Entwaffnung, die Tschetschenen auf bedingungsloser Einstellung der Kampfhandlungen. Positionen, die einander ausschließen, und die Zweifel am russischen Friedenswillen verstärkten. Die Generalität und die vom Kreml eingesetzte Verwaltung in Tschetschenien wollen den Sieg erringen, den Putin ihnen im Wahlkampf versprochen hat. Verhandlungen laufen in ihren Augen auf eine Neuauflage des "Schmachfriedens" von Hassavyurt zu, mit dem der erste Krieg 1996 endete. Dann sei die Loyalität des loyalsten Teils der Bevölkerung in Gefahr, drohen Generale - die Loyalität der Armee.

Ex-Mufti Ahmad Kadyrow, Moskaus Statthalter, sieht durch Verhandlungen mit dem gewählten Maschadow die eigene Macht bedroht. Das gilt auch für den Provinz-Inspektor Bislan Gantamirow; er ist mit der Mafia verbandelt und schwerreich. An Stelle von Verhandlungen wünscht er russisch kontrollierte Neuwahlen von Präsident und Parlament. Auch so kann man vollendete Tatsachen schaffen. Nicht aber eine belastbare Partnerschaft ehemaliger Gegner.

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