Meinung : „Im Turnen ist Doping nicht nötig“

Friedhard Teuffel

Der oberste Leistungssportfunktionär des Landes hat vom Doping keine Ahnung? Diese Frage beschäftigt zurzeit Sportpolitiker aus mehreren Anlässen. Der eine: Am nächsten Samstag bekommt der deutsche Sport einen neuen Dachverband. Nationales Olympisches Komitee und Deutscher Sportbund vereinigen sich zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Und der andere: Eberhard Gienger, designierter Vizepräsident für Leistungssport, hat in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erstaunliche Äußerungen zum Doping gemacht.

Einen Gegenkandidaten zu ihm gibt es nicht, doch Gienger steht auf einmal in der Kritik. Es geht um eine der Schlüsselfragen des Leistungssports: Wie geht man mit Doping um? Er habe als Athlet acht Tage lang aus medizinischen Gründen ein Anabolikum genommen, und ohnehin sei im Turnen „Doping nicht nötig, wenn nicht gar unmöglich“, sagt Gienger. Beim Turnen gehe es um Koordination. Dass jedoch auch im Turnen Doping zur Leistungssteigerung eingesetzt wurde, blieb bei Gienger unerwähnt. Immerhin sagt er: „Ich sehe noch Weiterentwicklungsbedarf in der Dopingbekämpfung.“ Der sportpolitische Sprecher der Grünen, Winfried Hermann, nennt Giengers Einstellung zum Doping „naiv“. Helmut Digel, Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, zweifelt die Glaubwürdigkeit Giengers an.

Auf Gienger als Mitglied des DOSB–Präsidiums wären nicht viele gekommen. Gienger hat zwar eine erfolgreiche Karriere als Leistungssportler hinter sich, 1974 wurde er Weltmeister am Reck. Außerdem ist der 54-jährige Schwabe Vizepräsident im Deutschen Turner-Bund, und seit der vergangenen Legislaturperiode sitzt er für die CDU im Deutschen Bundestag. Doch an größeren sportpolitischen Debatten hat er sich bislang kaum beteiligt.

Dennoch hat sich Thomas Bach Gienger für sein Team ausgesucht. Bach ist der wichtigste Mann im deutschen Sport, er ist Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, und er wird den DOSB als Präsident führen. Die beiden verbindet ein wichtiges Kapitel: Reck-Weltmeister Gienger und Fecht-Olympiasieger Bach kämpften gegen den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Dass Gienger ein bekannter Sportler mit charmantem Auftreten ist, hat für Bach wohl eine große Rolle gespielt. Vielleicht eine größere als Giengers Haltung zum Doping.

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