Meinung : Im Widerspruch

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Von Alfred Grosser

WO IST GOTT?

Zunächst eine Selbstvorstellung, laut einer Definition durch einen deutschen Journalisten: „Ein jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist. " In Frankreich ist das kein Problem. Ich bin seit bald einem halben Jahrhundert Kolumnist für die katholische Tageszeitgung „La Croix“ („Das Kreuz"). Nach dem Erscheinen 2001 meines Buches „Die Früchte ihres Baums. Atheistischer Blick auf die Christen" brachte die Zeitung eine lange, freundliche, ja brüderliche Rezension. Der Autor: ein katholischer Bischof. Er hatte kurz davor auch ein Buch geschrieben, in dem es heißt, das Wichtige heute sei nicht ein Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen, sondern der gemeinsame Blick auf den leidenden Menschen.

Die schöne Zusammenarbeit mit aus ihrem Glauben lebenden Christen ist nur möglich, weil sich ihr Gott verändert hat. Er ist nicht mehr der herrliche, zürnende, strafende Gott, er ist der Gott, der leidender Mensch geworden ist. Gott hat sich verändert, weil sich die Moral in der Gesellschaft verändert hat. Gewiss hat sie auch christliche Quellen, aber der christliche Wert der Gleichheit und der Würde aller Menschen ist nur langsam im 16., im 18., im 19. Jahrhundert gegen die Kirchen erkämpft worden. Stolz ist heute jeder Prediger auf den Galater-Brief: „Es gibt weder Sklave noch Freier, weder Jude noch Grieche", weil alle eins sind in Jesus Christus – aber bis die Sklaverei ohne Hilfe der Kirchen abgeschafft wurde, bedeutete dies nur, dass auch die Sklaven Christen sein durften. Wenn er die Wahl hat, liest der Prediger die Bergpredigt im Text von Matthäus, nicht von Lukas. Letzterer gibt Karl Marx recht. Da ja die Armen im Jenseits belohnt werden und die Reichen bestraft, soll der Arme seine Ausbeutung ruhig ertragen. Die Religion wird in der Tat zum Opium des Volkes. Und die Demokratie, die als europäischer Grundwert im Verfassungsentwurf steht, ist erst in jüngster Zeit Anliegen der Kirchen geworden. Johannes Paul II. hat leider Pius IX. heilig gesprochen, der vehement alle liberalen Errungenschaften verworfen hat. Und die EKD sollte sich ständig an ihre Gründungserklärung von 1945 in Treysa erinnern: Der Aufruf an die Untertanen, der Obrigkeit treu zu dienen, war allzulange das politische Engagement der Kirchen gewesen.

Dazu kommen die Fragen, die heute immer weniger klar beantwortet werden: Was bedeutet das Heil des einzelnen Menschen? Gibt es noch eine Bestrafung in einem Jenseits, vom barmherzigen Gott verhängt? Gott ist nicht die Ursache des Bösen. Er ist reine Güte. Wer lässt das Böse entstehen und den Massenmord und das Leiden der Kinder? „Dein Reich komme" und „Dein ist das Reich": wirklich kein Widerspruch? Auch die christlichen Exegeten schreiben heute, dass kein Wort der Schrift als wirklich so gesprochen angenommen werden kann. Und doch hört man nach jeder Lesung in der Kirche „Wort des Herrn ". Und bis wohin geht die Symbolik, wenn etwas von der Historizität erhalten werden soll? Die Frage gilt für das Neue, viel mehr noch für das Alte Testament.

Es scheint mir, dass nicht der humanistische Atheist sich heute in seinem Unglauben zu rechtfertigen hat. Die an den Gott der Bibel Glaubenden müssen eher mit ihren Widersprüchen fertig werden.

Der Autor ist französischer Politologe und Publizist. Er erhält am Mittwoch in der französischen Botschaft den Abraham-Geiger-Preis.

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