Im WORT laut : Anne Will und der 8. Mai

Auf der Internetseite „Die Achse des Guten“ (achgut.de) macht sich der Journalist Henryk M. Broder vorab Gedanken über die Anne-Will-Sendung „Bin Ladens Liquidierung – darf man sich darüber freuen?“:



Es trifft sich gut, dass über Osamas Abgang an einem Tag debattiert wird, der für die Deutschen von besonderer Bedeutung ist. Es ist der Tag, an dem das Dritte Reich seinen Geist aufgab. Bis heute wird darüber gestritten, ob es ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Niederlage war. Und ob man sich darüber freuen darf, dass Deutschland besiegt wurde. Denn ganz mit rechten Dingen ging es dabei nicht zu. Die Parallelen zwischen den Ereignissen in Abbottabad Anfang Mai 2011 und denen in Berlin Anfang Mai 1945 sind in der Tat frappierend.

In beiden Fällen haben die Amerikaner ihre Überlegenheit rücksichtslos ausgespielt. Sie hatten es auf einen älteren, gebrechlichen Vegetarier abgesehen, der sein Versteck nicht verlassen konnte. Dabei wurde ihnen von Verrätern geholfen. Und sie haben die Souveränität eines Landes missachtet. Damals wie heute.

Insofern ist der Tag richtig gewählt. Nur das Thema hätte etwas anders lauten müssen: „Darf man sich über das Ende des Dritten Reiches und den Tod von Reichskanzler Hitler freuen?“ Zwar wurde der Führer, anders als Osama, nicht von einem US-Kommando liquidiert, aber er wurde in den Tod getrieben, ohne die Chance auf ein faires Verfahren. Und so wie es keinen objektiven Beweis dafür gibt, dass Osama für die Verbrechen von Al Qaida verantwortlich ist, so wird bis heute vergeblich nach dem Führerbefehl zur „Endlösung der Judenfrage“ gesucht. Ja, es gibt sogar Historiker, die überzeugt sind, dass Hitler von der Endlösung nichts wusste, dass sie hinter seinem Rücken durchgeführt wurde und dass er, als er erfuhr, was passiert war, aus Verzweiflung darüber Selbstmord beging.

Das ist der emotional-vegetative Hintergrund, vor dem die Osama-Debatte geführt wird.

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