Im WORT laut : „Deshalb glaube ich nicht mehr an eine pazifistische Politik“

Auszug aus Bärbel Bohleys Essay „Wir wollten schlau sein wie die Schlangen“, erschienen in „Mut. Frauen in der DDR“ (Hg. von Bärbel Bohley, Gerald Praschl und Rüdiger Rosenthal. Herbig Verlag, München 2005):



Die schrecklichen Erfahrungen in Bosnien waren sehr wichtig für mich. Die zögerliche Politik der europäischen Länder, des Gewaltverzichts und des bloßen Zuschauen hat Tausende das Leben gekostet, weil diese sich nicht verteidigen konnten. Deshalb glaube ich nicht mehr an eine pazifistische Politik, wie sie die Grünen propagierten. Zwar kann ich persönlich an pazifistischen Idealen festhalten, aber notfalls müssen die Menschenrechte auch mit Waffen verteidigt und zur Geltung gebracht werden. Es ist zynisch, wenn Menschen in äußerster Not „Sonnenblumen“ vorgehalten werden. Die Diskussion über die Frage, wie man sich in einer globalisierten Welt der globalisierten Gewalt zur Wehr setzen kann, ist eine Herausforderung für alle, die sich einmal in der Friedensbewegung engagiert haben …

Die demokratischen Bürgerbewegungen Osteuropas haben zwar die kommunistischen Diktaturen überwunden, aber zu wenig die politische Kultur Westeuropas bewegt und verändert. Die Dynamik der Transformationsprozesse hat zu viel Energie verbraucht, zu viel eigene Ideen vergessen lassen, zu viel Tatkraft gebunden. Eine an Menschenrechten orientierte „liebevollere, ehrlichere, freundlichere“ Politik, die ganz auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen ausgerichtet ist, existiert immer noch nicht.

Doch trotz aller Rückschläge bin ich nicht pessimistisch. Seit 1989 hat sich in Europa und in vielen außereuropäischen Ländern gezeigt, dass sich auf Dauer die Zivilgesellschaften nicht durch eine manipulierte Machtpolitik beherrschen lassen. Die Geschehnisse in Georgien, der Ukraine, im Libanon, in Kirgisien, in Kuba und China zeigen, dass diese Bewegung weitergeht. Vielleicht haben die Frauen in diesen Prozessen eine besondere Bedeutung. Sie haben nichts zu verlieren, aber vieles gewinnen.

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