Im WORT laut : Die Kunst des Unmöglichen

Hans Magnus Enzensberger



macht sich im „Spiegel“

Gedanken über die Grenzen der Politik:

Ein Bildungspolitiker, dessen Trachten danach ginge, allen Schülern gleiche Chance einzuräumen und dem Durcheinander auf seinem Gebiet ein Ende zu machen; ein Finanzminister, der sich vornähme, den absurden Dschungel des Steuersystems zu lichten; ein Kanzler, der versuchen wollte, die Finanzmärkte an die Kandare zu nehmen – sie alle bekämen es mit Gegnern zu tun, gegen die sie sich niemals durchsetzen könnten.

Die Mathematiker haben es gut. Sie können logische Gründe dafür anführen, dass gewise Probleme keine Lösungen zulassen. Diese Rationalität ist menschlichen Gesellschaften fremd. Das perfekt durch alle Instanzen hindurch abgesegnete Planfeststellungsverfahren gerät ins Wanken, wenn eine kritische Masse von Wählern es infrage stellt. Plötzlich bricht das Vertrauen ein, und die Kundschaft stürmt die Bank. Eine Katastrophenmeldung aus Japan, und schon werden hier die Jodtabletten knapp. Ein törichtes Interview, die Stimmung kippt, und die Wahl ist verloren. Es sind eben immer die Leute, die den Betrieb stören. An ihrer Widerspenstigkeit scheitert jede Berechnung.

Das lässt nur einen Schluss zu. Die Politik ist die Kunst des Unmöglichen. Deshalb sollte sich für einen anderen Beruf entscheiden, wer es auf einleuchtende, glatte, eindeutige Lösungen abgesehen hat. Wenn er anspruchsvoll genug ist, wäre die Zahlentheorie für ihn ein verlockendes Arbeitsfeld; wer sich mit weniger begnügt, der möge sich die Zeit mit einer Patience vertreiben, in der Hoffnung, das sie aufgeht und ihm ein schönes, wenn auch flüchtiges Erfolgserlebnis beschert.

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