Im WORT laut : Eine eigentümliche Kälte

Die "Welt am Sonntag" geht der Frage nach, warum der Schmerz der Vertreibung, den Deutsche empfinden, der Mehrheit der Gesellschaft offensichtlich lästig ist.

„Als ziemlich spät in der Geschichte der Bundesrepublik die Einsicht wuchs, dass die Deutschen planvoll und ohne jede Rücksicht den Genozid am jüdischen Volk betrieben hatten, machte sich allmählich ein ernst empfundenes Entsetzen breit. Und es sieht so aus, als sei dieser ungeheure Zivilisationsbruch inzwischen tief im Bewusstsein der Mehrheit angekommen. Es ist wirklich Empathie im Spiel. Die Zahl derer, die sich bis ans Ende ihrer Tage für dieses deutsche Menschheitsverbrechen auch dann schämen, wenn sie Nachgeborene sind, ist beträchtlich. Umso mehr verwundert es, dass der Transfer dieses Empathievermögens auf eine dramatische Erfahrung des eigenen Volkes, die Vertreibung, kaum möglich zu sein scheint. Hier ist es eher so, dass das Sache der Betroffenen (für die es heute die seltsame Bezeichnung „Erlebnisgeneration“ gibt) und ihrer Familien bleibt. Wie kam das?

(...) An die Vertreibung der Deutschen zu erinnern und Schmerz darüber zu empfinden gilt vielen Deutschen als rückwärtsgewandt. Wer reif ist und die Lektionen der Geschichte gelernt hat, der kann und soll sich – so ein nicht eben schmaler Konsens – vom eigensinnigen Beharren auf altem Leid befreien. Es steckt eine eigentümliche Kälte in dieser Haltung. Und eine Ahnungslosigkeit gegenüber der nagenden Kraft des Verlustschmerzes. Vielleicht war es angesichts dieser Härte nur einer Frau wie Erika Steinbach, die auch Härte kennt, möglich, das Zentrum gegen Vertreibungen bis an die Schwelle der Verwirklichung zu treiben.“

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