Im WORT laut : Esoteriker gegen Apokalyptiker

Im „Spiegel“ schreibt der Philosoph Rüdiger Safranski über „Heiße und Kalte Religionen“. Der Islam verkünde Erlösung, während das Christentum den Glauben an das Jenseits verloren habe:

„Kalte Religionen“ … sind solche, die dieses Wechselspiel von Überhitzung und Abkühlung nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich akzeptiert haben, die vernünftig geworden sind, die sich auf das Gesellschaftsdienliche herunterkühlen lassen, pluralistisch, privatisiert und in den getrennten Wertsphären domestiziert.

Inzwischen haben die einst heißen religiösen Wahrheiten Bescheidenheit und die Kränkung ertragen gelernt, dass sie auf offenem Markt als bloße Meinungen oder Gesinnungen gehandelt werden. Eine päpstliche Enzyklika konkurriert mit den Do-it-yourself-Lebenshilfen und die Bibel mit den übrigen Esoterika. Der eine Gott, der einmal den geistigen Zusammenhang der abendländischen Gesellschaft verbürgte, ist zersprungen in die vielen kleinen Hausgötter. Die großen Kirchen leeren sich, aber das Angebot für den religiösen Hobbykeller wächst. Die pluralistische Gesellschaft gleicht einem Spiegelkabinett von Beobachtungen und Selbstbeobachtungen. Der aufgeklärte Mensch hat in der Regel das Pensum der großen Kränkungen hinter sich. Verstohlen pflegt er sein religiöses Restguthaben.

Eine heiße Religion ist empfindlich für Kränkungen. Sie muss Ironie, Zweifel, Relativierungen ablehnen. Zweifellos ist der islamische Fundamentalismus eine heiße Religion. Sie hat wie einst das Christentum apokalyptische Aspekte. Die, die in Türme New Yorks flogen, waren Apokalyptiker, sie waren im wörtlichen Sinne: ein Himmelfahrtskommando.

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