Im WORT laut : Geist und Gott

Auszug aus einer Rede, die Alexander Solschenizyn am 8. Juni 1978 vor Harvard-Studenten gehalten hat:

Aber sollte jemand mich fragen, ob ich den Westen, so wie er heute ist, meinem Land als Modell ans Herz legen wollte, würde ich offen gesagt mit Nein antworten müssen. Nein, ich könnte eure Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Form nicht als Ideal für die Veränderung meiner Gesellschaft empfehlen. Durch tiefes Leiden hat unser Land nun eine geistige Entwicklung von solcher Intensität erreicht, dass das westliche System in seinem gegenwärtigen Zustand geistiger Erschöpfung nicht attraktiv erscheint ( …).

Es stimmt natürlich, dass eine Gesellschaft nicht im Abgrund der Rechtlosigkeit verharren kann, wie meine es tut. Aber es ist ebenso unter ihrer Würde, eine solche mechanische legalistische Glätte zu wählen, wie sie hier existiert. Eine menschliche Seele, die Jahrzehnte unter Gewalt und Unterdrückung gelitten hat, sehnt sich nach höheren, wärmeren und pureren Dingen als die, die das heutige Leben in Massen anbietet, angeführt durch die abstoßenden Eingriffe der Öffentlichkeit, durch die Fernsehstumpfheit und durch unerträgliche Musik. All das ist erkennbar für Beobachter aus allen Welten unseres Planeten. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die westliche Lebensform das führende Modell werden wird.

Bedrückend, ja bestürzend ist nachzulesen, dass ein Schlüssel zum Verständnis Solschenizyns, seine christlich-orthodoxe Religiosität, in den allermeisten Nachrufen unerwähnt bleibt (rühmliche Ausnahme: Ralph Dutli in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“). 1972, also noch vor seiner Abschiebung in den Westen, schrieb Solschenizyn einen Brief an den damaligen Patriarchen Pimen:

Ein Grabstein lastet auf dem Haupt der noch nicht ganz ausgestorbenen rechtgläubigen russischen Menschen und zerreißt ihnen die Brust – davon will mein Brief berichten. Alle wissen darum, der Schrei der Gequälten war schon laut vernehmlich, aber Schweigen hat sich wiederum aller wie ein Fluch bemächtigt. (…)

Weder vor den Menschen, noch gar im Gebet können wir uns listig herausreden, äußere Fesseln seien stärker als unser Geist. Nicht leichter war es in der Geburtsstunde des Christentums, doch es hat die Leiden durchgestanden und kam zum Erblühen. Und es hat uns den Weg dazu gewiesen: das Opfer.

Wer aller materiellen Kräfte beraubt ist, wird im Opfer immer den Sieg erringen. Das gleiche, den ersten Jahrhunderten würdige Martyrium haben viele unserer Priester und Glaubensbrüder auf sich genommen, uns alle noch in lebendiger Erinnerung. Einst warf man die Märtyrer vor die Löwen, was man heute verlieren kann, das ist ja nur der Wohlstand.

Wenn Sie in diesen Tagen vor dem Kreuz niederknien, das in die Mitte des Gotteshauses getragen wurde, so fragen Sie Gott den Herrn, welch anderes Ziel denn Ihr Dienst im Volke hat, in dem Volk, das schon fast ganz den Geist des Christentums und das christliche Antlitz verloren hat.

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