Im WORT laut : „Hoffentlich dauert der Krieg lang genug“

Mehr prominente Deutsche als bislang bekannt wurden in ihrer Jugend NSDAP-Mitglieder. Im „Spiegel“ porträtiert der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 81, die Generation der Flakhelfer.

"Bekanntlich ist die Pubertät die Entwicklungsphase, in der sich der Heranwachsende aus der engen symbiotischen Bindung an seine Eltern löst und sich im erweiterten Blick auf die Welt ein eigenes Ich-Ideal erschafft, mit dem er sich identifizieren kann. (...)

Für uns waren es damals die Kriegshelden in ihren Jagdflugzeugen, U-Booten, Sturmgeschützen, und überhaupt alle Soldaten, die bereit waren, ihr Leben zu riskieren für das „Heilig Vaterland“, wie es in oft gesungenen Versen von Rudolf Alexander Schröder hieß, die, wie auch berühmte Gedichte von Friedrich Hölderlin, den Tod fürs Vaterland als höchste Idealität verklärten.

In der Vorahnung, dass dies einmal auch von uns verlangt werden würde, jagten mir diese Worte einen Schauer über den Rücken. Als mein Freund Franz und ich als Vertreter des Gymnasiums an der Beerdigung unseres Klassenlehrers teilnahmen, der als Reserveoffizier im Frankreichfeldzug gefallen war, beeindruckte uns das militärische Zeremoniell mit der über dem Grab gesenkten Fahne, dem Trommelwirbel und den Salutschüssen so stark, dass Franz anschließend zu mir sagte – aber ich hätte es auch sagen können: „Hoffentlich dauert der Krieg so lang, dass wir auch noch Soldat werden.“ Der Wunsch ist für ihn mit tödlicher Konsequenz in Erfüllung gegangen. Er wurde in den letzten Kriegstagen durch den Helm in den Kopf geschossen. (...)

Während in den letzten Kriegsjahren die Anträge auf Aufnahme in die Partei zurückgingen, meldeten sich weiterhin ganze Schulklassen freiwillig zur Wehrmacht. Das hatte allerdings auch praktische Gründe. Man konnte einen Wunsch äußern, zu welcher Waffengattung man wollte, und es gab begrenzte Möglichkeiten, dass er berücksichtigt wurde."

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