Im WORT laut : Kann einer heute wissen, wie er morgen sterben will?

Wann darf ein Mensch sterben? Und wie verbindlich ist sein letzter Wille? In der vergangenen Woche wurde im Bundestag zum ersten Mal über einen Gesetzentwurf für den Umgang mit Patientenverfügungen diskutiert.

Das Thema ist so heikel wie kontrovers. Eckart Lohse schreibt dazu in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“:

„Jedem Paar, das eine Ehe schließt, den Bund fürs Leben also, sei unterstellt, dass es bei der Hochzeit die Dauerhaftigkeit dieses Bundes fest annimmt. Gleichwohl werden mehr als ein Drittel aller Ehen geschieden. Alle Gesetze, bis hin zum Grundgesetz, können geändert werden, alle Verträge haben eine Ausstiegsklausel. Nur für das menschliche Leben soll das nicht gelten?

Die Patientenverfügung ist die Antwort zumeist älterer Menschen nicht nur auf die moderne Apparatemedizin, sondern auch auf die zunehmende Individualisierung einer Gesellschaft, in der immer seltener im Kreis der Familie gestorben wird und immer häufiger auf einer anonymen Pflegestation. Da darf es niemandem verwehrt werden, sich an eine Hilfskonstruktion zu klammern. Doch sollte es eine Hilfskonstruktion bleiben und nicht das letztlich bestimmende Gesetz. (...)

Der Wille des Menschen ist wandelbar, auch der letzte. Im Alter von 65 Jahren und bei guter Gesundheit fühlt sich der Verzicht auf ein paar Lebensjahre oder auch nur -monate anders an als fünfzehn Jahre später in einer Lage, die man einst als nicht mehr lebenswert betrachtete. Das weiß man da bloß noch nicht.“

Etwas anderer Meinung ist Gerd Held in der „Welt am Sonntag“:

„Mancher Arzt denkt an den hippokratischen Eid. Doch gibt es eine Überziehung dieses Eides, die gegen ein fundamentales ethisches Gebot verstößt: dass der Mensch niemals den Menschen zum Mittel degradieren darf – auch nicht dadurch, dass er ,für ihn’ das Gute zu wollen beansprucht.

Das gilt besonders, wenn sich der Staat einmischt. Gewiss kann ein Mensch eine Patientenverfügung unbedacht verfassen, aber das muss man in Kauf nehmen. Es gibt kein allgemeines Urteil über das richtige Leben und Sterben. Es wird immer eine Mehrzahl von Umgangsweisen mit dem Sterben geben – also mehrere Kulturen des Sterbens. Wollte der Staat ,die Sterbekultur’ regeln, wäre das eine Anmaßung, ein Einfallstor der Entmündigung – besonders in einer alternden Gesellschaft! Daher muss die politische Hängepartie bei der Patientenverfügung schnell beendet werden, indem der Gesetzgeber sich darauf beschränkt, das Verfügungsrecht der Bürger zu stärken und vor Missbrauch zu schützen.“

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