Im WORT laut : Keine Lust auf den Schrebergarten

Im „Spiegel“ plädiert Hans Magnus Enzensberger dafür, die Altersgrenzen abzuschaffen:

Das System der gesetzlichen Altersversorgung beruht nämlich auf den demografischen Voraussetzungen der fünfziger Jahre. Alle grundlegenden Regeln stammen aus dieser Zeit. Damals lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Frauen bei 71 und für Männer bei 66 Jahren. Heute rechnet man mit 83 und 78 Jahren, und selbst diese hohen Durchschnittswerte verharmlosen noch das Bild. Heute kann sich ein 65-Jähriger darauf freuen, dass ihm noch 17 bis 18 Jahre bevorstehen, bevor er das Zeitlich segnet. Das hat viele Gründe. Krieg, Vertreibung, Gefangenschaft und Hunger sind seiner Kohorte erspart geblieben; die medizinische Versorgung hat sich entschieden verbessert; an die Stelle der Unter- ist inzwischen die Überernährung getreten; die Arbeitszeit ist geschrumpft, die Freizeit hat zugenommen; man treibt Sport, nimmt Urlaub, kümmert sich um Vorsorgeuntersuchungen, Fitness und Diät; und man nimmt, wenn alle Stricke reißen, die Dienste eines Therapeuten in Anspruch.

Das alles hat nicht genügt, den alten biblischen Fluch außer Kraft zu setzen. Es ist kein Wunder, dass sich viele darauf freuen, die Flucht aus der sogenannten Arbeitswelt anzutreten – viele, aber keineswegs alle. Denn für jeden Kumpel, Streifenpolizisten oder Dachdecker, der seinen Beruf satt hat, gibt es einen Masseur, einen Schreiner, einen Ingenieur, der partout nicht einsehen will, warum er gezwungen sein soll, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, nur weil er das Pech hat, eine Altersgrenze zu überschreiten. So seltsam es in den Ohren von Funktionären und Ausschussvorsitzenden klingen mag, es gibt Leute, die keine Lust haben, den Rest ihres Lebens im Schrebergarten, auf Golfplätzen oder in einem spanischen Rentnerghetto zuzubringen.

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