Im WORT laut : Schillerndes Erscheinungsbild

Vor 30 Jahren, am Wochenende des 12. und 13. Januar 1980, wurde in Karlsruhe die Bundespartei „Die Grünen“ gegründet. Der Tagesspiegel kommentierte damals:

„Am Ende ihres mitunter chaotisch verlaufenden Parteitags in Karlsruhe haben sich die Grünen als bundesweite Partei konstituiert, aber sie haben nur einen vorläufigen Vorstand und auch nur ein provisorisches Programm. Keiner der vielen Konflikte, die den Parteitag mehr als einmal zu sprengen drohten, ist also gelöst oder auch nur entschärft. Nur zu dem Minimalziel, die Partei wenigstens zu gründen, hat der Parteitag die Vielzahl von Partikularinteressen zu bündeln vermocht. Was die Partei will, welchen Weg sie zu gehen gedenkt, hat er nicht gesagt. (...)

War es am ersten Tag wenigstens gelungen, die Legitimität dieser Versammlung zu wahren, indem den sogenannten autonomen Gruppen das Stimm- und Diskussionsrecht verweigert wurde, so wurde am Ende des Kongresses deutlich, dass dessen Autorität an der Saaltür endete. Denn in der für das Selbstverständnis der Partei grundlegenden Frage des Verhältnisses zu den Kommunisten überließ man praktisch den einzelnen Landesverbänden die Entscheidung. Es wird daher einstweilen sogar eine Doppelmitgliedschaft von Kommunisten in der grünen Partei in vielen Fällen möglich sein. (...)

Karlsruhe hat gezeigt, dass es leicht ist, Protestbewegungen aller Schattierungen herbeizurufen, aber schwer, als Partei eine seriöse und demokratische ökologische Zielsetzung gegen kommunistische oder chaotische Gruppierungen abzugrenzen. Dass die Partei dies an ihrem Anfang versäumt hat, wird ihr anhaften: Sie bietet ein schillerndes Erscheinungsbild zwischen Rot und Grün, und wann immer sie sich entschließen sollte, Farbe zu bekennen, wird sich in ihr ein Bruch zwischen Flügeln vollziehen, die unvereinbar sind.“

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