Im WORT laut : „Schleier der Scheinheiligkeit“

Der „Spiegel“ versucht, das Phänomen Klaus Wowereit zu ergründen:

In den Zeitungen steht, dass er keine Vision für die Zukunft habe, keinen Plan, was er noch erreichen wolle. Die Arbeitslosigkeit ist in Berlin doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Republik, bei einem Bildungsvergleich mit anderen Bundesländern hat die Stadt gerade wieder den letzten Platz belegt. Eigentlich spricht alles für einen Wechsel, aber so, wie es aussieht, wird Wowereit auch noch im nächsten Jahr regieren. Und im übernächsten. (...) Man kann auch sagen: Wowereit hat den Populismus auf die Spitze getrieben. Er weiß, dass die Leute von Politik schlechte Laune kriegen, also behelligt er sie nicht damit. Er guckt in Einkaufstüten, knufft Großmütter und sonnt sich in der Popularität seiner Stadt. Berlin ist bei den Touristen beliebter als Rom. Hertha spielt wieder in der ersten Bundesliga. So schunkelt er sich durch die Stadt und sammelt Stimmen.

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ denkt Melanie Mühl in einem Buchvorabdruck über die Patchworklüge nach:

„Patchworkfamilien sind die Großfamilien der Moderne. Viele Bezugspersonen sind besser als wenige. Das sagen auch Psychologen. Zu Weihnachten bekommen die Kinder mehr Geschenke, außerdem haben sie jetzt zwei Kinderzimmer, eins bei Mama, eins beim Papa. Wir verstehen uns weiterhin gut. Für die Kinder ist die Scheidung das Beste. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wenn ich glücklich bin, ist auch mein Kind glücklich. Ich bin immer für dich da. Die quality time zählt.“

So lauten einige Lieblingswendungen von Patchworkern, die oft reflexhaft fallen. Sie führen uns vor Augen, wie erfinderisch wir geworden sind, wenn es darum geht, unser Gewissen zu beruhigen und über die Realität einen Schleier der Scheinheiligkeit zu breiten.

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