Im WORT laut : „Stauffenberg dürfte Stauffenberg nicht spielen“

Zum Streit um das Drehverbot für den „Stauffenberg“-Darsteller und Scientologen Tom Cruise im Bendlerblock schreibt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in der

Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Cruise soll am authentischen Ort des Geschehens nicht drehen dürfen, um dessen Würde zu wahren.(...) Die Instrumentalisierung der Würde ist ebenso abstoßend wie durchsichtig; in Wahrheit geht es, wie Liane von Billerbeck im Deutschlandradio richtig mutmaßt, um Deutungshoheit. Wie sehr, das zeigte die Reaktion des Gedenkstätten-Chefs Peter Steinbach auf Florian Henckel von Donnersmarck. Dessen Intervention für Cruise nannte Steinbach „verkommen“, und dieses Wort, im Kontext des 20. Juli gesprochen, in dem das Wortfeld „verkommen“ eindeutig konnotiert wurde, ist würdeloser und anmaßender und geschichtsloser, als es die Filmaufnahmen im Bendler-Block je sein könnten.

Das Bundesfinanzministerium sollte dem amerikanischen Filmteam die Erlaubnis geben, im Bendler-Block zu drehen. Kann sein, der Film wird schlecht, kann sein, er wird fatal. Aber wenn wir uns nicht den Deutungen lebendiger Menschen aussetzen, und sei es aus Neugier, erstarrt der wichtigste Teil unserer Geschichte zu Stein. Nicht der Schauspieler Tom Cruise ist das Problem; das Problem ist, dass wir Stauffenberg selbst zum puren Darsteller einer Mission machen. Erst nachdem ein Großteil der Kriegsgeneration abgetreten ist, hat die Gesellschaft ihren Frieden mit den Attentätern vom 20. Juli gemacht. Doch nun, nach mehr als 60 Jahren, behandeln wir ihn, als sei er, der historische Stauffenberg, selbst nur der Schauspieler einer historischen Rolle, der „Attentäter“, der „Widerständler“, eine Art Text- und Rollenaufsagegerät. Der wahre Stauffenberg dürfte heute Stauffenberg nicht spielen aus ideologischen und gesinnungsethischen Gründen. Man will einen Mann ohne Hintergründe, ohne Irrationalitäten, ohne Erdenrest. Wer weiß, vielleicht gibt Tom Cruise uns den zurück?

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