Im WORT laut : Wider die Verelendungsrhetorik

Auf "Spiegel-Online" befasste sich Reinhard Mohr vor einer Woche unter dem Titel "Sommer der Jammerlappen" mit der Lust der Deutschen am Stimmungstief.

"Eine Schreckensstatistik jagt die andere. In ihrer medial zugespitzten Verbreitung suggerieren all die Zahlen und Prozente, was viele Deutsche immer wieder gerne hören: Es geht abwärts! Gemeiner Staat, hilf! Selbst steigende Benzin-, Gas- und Heizölpreise, die nun wahrlich ein globales Phänomen sind, nimmt man der Regierung ganz persönlich übel. Kaum einer würde sich wundern, wenn eine brandaktuelle Studie morgen zum Ergebnis käme: '99,9 Prozent der Deutschen leben ständig mit tödlichem Risiko!' (...)

Weh dem, der wagt, diesem absurden – und mit Blick auf den Rest der Welt tatsächlich zynischen – Zerrbild zu widersprechen. Er wird umgehend selbst als Ideologe des Neoliberalismus gebrandmarkt. Was zählt, ist die eloquenteste Klage und die überzeugendste, also populärste Erzählung vom allgemeinen Unrecht, in der 'Hartz IV selbstverständlich als Indiz des inhumanen Kapitalismus' gilt, wie Rainer Hank in der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' schrieb – 'nicht als Beweis des humanisierenden Sozialstaats'.

Niemand beherrscht die Kunst dieser Verelendungsrhetorik besser als der große politische Profiteur des endemischen Gejammers – 'Linke'-Chef Oskar Lafontaine, dessen grenzenlose Selbstsucht nur ein Ziel kennt: die SPD endlich in die Knie zu zwingen. Die macht es ihm allerdings ziemlich leicht: Einen so desolaten Haufen wie die gegenwärtige 'Führungsriege' der SPD hat es schon lang nicht mehr gegeben. 'Die Rentner-Republik – die Alten übernehmen die Macht', 'Kinder als Armutsrisiko', 'Gibt es gute Schulen nur für Reiche?', 'Wer kann sich das Leben noch leisten?', 'Willkommen im Zweiklassen-Land' – ohne es zu wollen, spielen auch die politischen Talkshows, deren innere Quotenlogik von der Skandalisierung gesellschaftlicher Zustände lebt, bei diesem Pingpong von Empörungsmaschinerie und Sensationsgeilheit kräftig mit.“

P.S.: Der aktuelle "Spiegel"-Titel heißt: "Angriff auf den Wohlstand – Wie Spekulanten das Leben immer teurer machen".

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