Meinung : Im Wort

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Von Bernd Ulrich

WO IST GOTT?

Die Anschläge, die vor 24 Monaten in New York und Washington verübt wurden, waren, was der Name sagt: Schläge, die Tausende Menschen töteten und den Verlauf der Geschichte veränderten. In welche Richtung, das wissen wir heute noch nicht. Osama bin Laden lebt, Al Qaida auch, der Frieden in Afghanistan und im Irak ist noch nicht gewonnen. Der 11. September hat aufgerührt, aber noch nicht umgestaltet.

Die Anschläge waren aber auch Anstöße, Denkanstöße für große weltöffentliche Debatten, ebenso wie für neue Gespräche im Kammerton, wie diese Reihe mit dem Namen: Wo ist Gott? Sie hat sich verändert in diesen zwei Jahren, hat ihre Farbe gewechselt und sich in gewisser Weise von ihrem Anstoß emanzipiert. Der 11. September 2001 blieb Thema, jedoch indirekter, mehr als Hintergrund.

Schweigende Muslime

Und noch etwas fällt ins Auge, wenn man die mittlerweile 100 Antworten auf die Frage nach Gott Revue passieren lässt. Die Zahl der Beiträge von Muslimen oder Islamexperten nimmt ab. Der Anfangsimpuls, dass nun, nach diesem schrecklichen Einschnitt, ein Dialog der Religionen beginnen müsse, ließ sich je länger desto weniger einlösen. Warum?

Es liegt sicher auch an der Eurozentriertheit unseres Blickes, daran etwa, dass die Türkei kein EUMitglied ist. Auch daran, dass die Deutschen mit den türkischen Einwanderern immer noch Rücken an Rücken leben. Es mag vielleicht sogar etwas mit dem zu tun haben, was der türkische Ministerpräsident Erdogan jüngst bei seinem Berlinbesuch beklagte: an Vorurteilen gegenüber dem Islam.

Jedoch dürfte es für das Ersterben der islamischen Stimme in unserem kleinen religiösen Kammerkonzert noch einen anderen Grund geben: So viel Übung im und so viel Freude am freien, demokratischen Streit scheint es auf islamischer Seite nicht zu geben. Das macht den Dialog so schwierig. Das Christentum hat natürlich auch sehr lange, viel zu lange gebraucht, um zu begreifen, dass es besser ist, wenn Staat und Kirche getrennt sind.

Noch einige Jahrhunderte länger dauerte die Einsicht, dass die am besten, nein die allein zum christlichen Gedanken passende Staatsform die Demokratie ist. Und am allerlängsten brauchen wir Christen, um einzusehen und zu empfinden, dass sich der Glaube nur da wirklich beweisen kann, wo es auch den Nicht-Glauben gibt, wo jeder Einzelne eine Wahl hat, etwas anderes oder nichts zu glauben, wo das Beten zu Gott nicht Folge eines Zwangs oder auch nur einer Konvention ist, sondern nur des Bedürfnisses und der Frömmigkeit.

Von den drei Einsichten – der Trennung von Staat und Kirche, der Seelenverwandtschaft der Religion mit der Demokratie und der Freude an der Freiheit des Anders- und Nichtgläubigen – sind die meisten Moslems noch weit entfernt. Darum gleicht der Dialog oft mehr einer ökumenischen Tarifverhandlung oder, im besseren Fall, einer Art religiösen Abrüstungsrunde, nur eben nicht einem Gespräch.

Freiwilliges Gespräch

Alles jedoch, was kein echtes Gespräch ist, funktioniert in Zeitungen, die freiwillig gekauft werden, auf Dauer nicht gut. Insofern ist es schade, wenn die islamische Stimme in unserem Dialog so schwach geworden ist; es ist auch bitter, aber eine Erkenntnis. Bleibt zu hoffen, dass diese Kolumne so lange dauert, bis die Stimme der Muslime irgendwann wieder lauter wird. Und dass Gott nicht nur im Reden wirkt, sondern auch im Schweigen.

Der Autor war bis Ende März leitender Redakteur beim Tagesspiegel und ist heute Berliner Büroleiter und stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Dieser Beitrag beschließt das zweite Jahr der Kolumnenreihe „Wo ist Gott?“. Wie im vorangegangenen Jahr werden auch die diesjährigen Beiträge in einem Buch versammelt. Der Band erscheint in Kürze im Verlag Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft.

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