Im Wortlaut : "Deutschland sucht den Superlärmi"

Schon ein paar Tage alt, aber immer noch lesenswert ist der Essay von Reinhard Mohr auf "Spiegel-Online" über das Mallorca des Ostens, den Tummelplatz des Party-Pöbels, die deutsche Hauptstadt, Berlin.

„Selbst im erztoleranten, Multikulti-gestählten Kreuzberg tobt ein erbitterter Streit zwischen Nachbarn und Vergnügungssüchtigen aus aller Welt, die sich die idyllisch gelegene und verkehrsberuhigte Admiralbrücke über dem Landwehrkanal als Dauer-Partyzone ausgesucht haben. Bis zum frühen Morgen feiern hier Hunderte von Nachtschwärmern lautstark bei Bier und Musik.

Wie flächendeckend das Phänomen ist, zeigt sich auch am Kurfürstendamm nahe Kranzler-Eck, wo ebenfalls veritable Miniorchester lautstark übers Trottoir paradieren, als habe Dieter Bohlen zum Open-Air-Casting „Deutschland sucht den Superlärmi“ gerufen. Gewiss: All dies markiert auch einen märchenhaften ökonomischen Erfolg, der gerade in Krisenzeiten willkommen ist. Die glatte Verdoppelung der Touristenzahlen seit 1999 auf jetzt fast acht Millionen Gäste und 18 Millionen Übernachtungen jährlich katapultiert Berlin auf Platz drei der europäischen Metropolen. Nur London und Paris ziehen noch mehr Besucher an. Wenn das kein ’Weltniveau’ (Erich Honecker) ist.

Natürlich ist es ebenfalls ein zutiefst begrüßenswerter Umstand, dass am Brandenburger Tor keine SA- und Nazi-Truppen mehr marschieren oder Grenzsoldaten der DDR mit Schießbefehl die sozialistische Wacht an der Mauer halten, sondern Jugendliche aus aller Welt ihre Muffins und Bagels mampfen, während sie der peruanischen Panflötencombo zuhören, die den gesamten Pariser Platz beschallt.

Aber hier beginnt eben auch das Problem. Es ist der Preis, der offenbar für diesen Fortschritt gezahlt werden muss: Der Zauber des Ortes wird geflutet und zugedröhnt, abgefüllt und vollgestopft. Adieu Erinnerung, Wehmut und Transzendenz – willkommen Remmidemmi!

Gerade der architektonisch wieder vollendete Pariser Platz ist zum Tummelplatz des globalen Lärmterrorismus geworden, der mit Musik nichts mehr zu tun hat. Jede Dorfkirmes hat mehr Charme als dieses besinnungslose Gedröhn und Geplärre rund um die Uhr.“

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