Meinung : Im Zweifel auf die Schwächeren Die Kassenärzte und der

„Dienst nach Vorschrift“

Bernd Matthies

Kein Zweifel: Die meisten niedergelassenen Ärzte haben Grund zum Klagen. Über gesunkene Einkommen, steigende Arbeitsbelastung und überbordende Bürokratie. Die meisten von ihnen tragen keine Schuld am völligen Entgleisen eines Gesundheitssystems, das nur so lange funktionieren konnte, wie die zu verteilende Geldsumme für alle Beteiligten mit schöner Regelmäßigkeit wuchs. Doch diese Unschuld hilft den niedergelassenen Ärzten nicht. Sie sind im akuten Verteilungskampf die Verlierer, weil sie längst nicht so effektiv Druck machen können wie die Apotheken mit der Pharmalobby, wie die gut organisierten Krankenkassen und die mächtigen Krankenhäuser.

Eine Gruppe allerdings hat im Gerangel der Interessengruppen noch schlechtere Karten, obwohl die meisten Deutschen dort Zwangsmitglieder sind: die Patienten. Und so mag es in den nächsten Tagen zu der grotesken Situation kommen, dass die Zweitschwächsten, die Ärzte, auf die Schwächsten, die Patienten, eindreschen, indem sie ihnen die Praxistür vor der Nase zusperren, ihnen weniger gut verträgliche Medikamente verordnen oder Krankengymnastik streichen. „Wir passen das Leistungsangebot dem verfügbaren Geld an“ heißt das Prinzip dieser Aktion „Dienst nach Vorschrift“; es ist verständlich, und es ist gefährlich.

Verständlich ist es, weil die Ärzte niemanden sonst haben, den sie unter Druck setzen könnten. Gefährlich ist es in mehrfacher Hinsicht. Einerseits für die Patienten, die im Extremfall ohne Versorgung dastehen. Gefährlich aber auch für die Ärzte, die entweder gegen Gesetz und Eid verstoßen. Oder, wenn nichts passiert, unfreiwillig beweisen, dass die Kassen nicht so falsch liegen mit ihrer Auffassung, es gebe zu viele niedergelassene Ärzte mit zu vielen teuren Geräten, die zu viele überflüssige Behandlungen verordnen.

Überdies enthält die lockere Ankündigung der „Leistungsanpassung“ ein heikles Element der Willkür. Wer definiert denn eigentlich, wann Leistung und Bezahlung im Gleichgewicht sind? Im Zweifel werden das die Funktionäre nach eigenem Gusto entscheiden, so, wie sie auch die Protestaktion ohne Absprache angekündigt haben. Es sieht nicht so aus, als würden ihnen alle Kassenärzte auf diesem abschüssigen Weg folgen – weil ihnen die Patienten wichtiger sind. Und sie sich weiter durchlavieren wie bisher, was wohl vorerst das Beste wäre.

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