Meinung : Im Zweifel da

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WO IST GOTT?

Im Himmel natürlich. Da sitzt er, bärtig und in wallendem Gewand auf einer extragroßen Wolke und meine verstorbene Mutter bäckt ihm vermutlich diesen wunderbaren Pflaumenkuchen, den ich nie so hinbekommen werde wie sie.

Oder? An diesem Sonntag ist Pfingsten, und da werden wohl die Predigerinnen und Prediger in den christlichen Kirchen landauf landab versuchen, ihn da wieder herunterzuholen, nachdem sie sein Leben, sein Sterben, Auferstehen und dann eben seine Himmelfahrt beschrieben haben. "…und sitzet zur Rechten Gottes" halt. Das war ja alles relativ lebensnah, wenn man bei den Wundern ein wenig großzügig ist. Und vielleicht kann man ja auch auf dem Wasser gehen, wenn man es wirklich, wirklich will. Jetzt also der heilige Geist, der die Gegenwart Gottes beschreibt. Der weht nun, oder denken wir uns den Odem, durch die Nase eingeblasen.

Wie aber habe ich mir das vorzustellen? Vielleicht wie den nächtlich blinden Gang ins Kinderzimmer für einen Blick auf friedliche Rabauken? Ins dunkle Zimmer tretend sehe ich nichts und weiß doch genau, wo die neue Stadt aus Papier und eine gigantische Lego-Burg den Weg versperren. Nicht sehen und doch wissen.

Oder ist das wie der Blick, den man spürt, da ist einer, der beobachtet mich über die Schulter. Wenn ich mich dann umschaue, sehe ich niemanden. Eigentlich war die Gewissheit um die Gegenwart Gottes immer etwas Beruhigendes. Egal, was passiert, da ist noch einer, der weiß mehr als ich.

Und die Wut auf Gott über Misslungenes, Abstürze, Tod oder Trauer, hatten immer auch einen versöhnlichen Teil: Wer weiß wofür es gut ist, oder: „Die Wege des Herrn sind unergründlich und dennoch weise."

Ich habe nie vor Prüfungen gebetet, weil ich fand, das dies nun wirklich meine und nicht Gottes Sache ist; vor einer Reise aber schon oder vor der Hochzeit oder beim Sterben einer Freundin. Zweifel? Viele. Kreuzzüge, Weltkriege, Judenverfolgung – warum das alles, und wo war er, als es geschah? Aber da gab es immer diese aufrechten Christen, die dabei blieben, dass Gottes Gegenwart nicht durch menschliche Grausamkeit aufgehoben ist.

Dietrich Bonhoeffer, der im Konzentrationslager saß, hat geschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag" So viel Glauben hatte ich nie, auch nicht so viel Demut.

Und die Zweifel kamen näher mit dem 11. September und waren unmittelbarer zu spüren in Erfurt vor vier Wochen, als der Schülerchor auf den Domstufen sang: Eli, eli, lema sabachthani – Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Trotzdem wurde nicht Gottes Abwesenheit beklagt, sondern seine Nähe gesucht, in diesen Tagen jedenfalls. Er wird uns über die Schulter sehen, er wird da sein, an manchem Abgrund.

Und vielleicht, verdammt, hilft er mir ja irgendwann bei diesem Pflaumenkuchen.

Die Autorin ist parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, hat zwei Kinder und Theologie studiert.

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