Meinung : Immer dabei

NAME

WO IST GOTT?

Ich bin acht Jahre alt. Mein bester Freund Roland hat mich im Schwitzkasten auf den Boden gedrückt. Fünf Jungs in meinem Alter stehen um uns herum. Einer von ihnen heißt René. Er lächelt von oben hämisch auf mich herab und ruft auf hessisch: „Unn? Wo is dann jez dein Gott?" Ich kann nicht antworten. Nicht nur, weil sich meine Luftröhre wie ein Strohhalm plattgedrückt anfühlt. Ich weiß, dass ich in dieser Situation hinter jedem annehmbaren Erklärungsversuch zurückbleiben werde. René ist ein Nachfahre der Waldenser. Die protestantische Glaubensgemeinschaft fand 1699 eine Heimstatt in unserem Dorf Wembach-Hahn, als sie wegen ihres Glaubens aus ihrer Heimat vertrieben wurde. So haben wir es in der Schule gelernt. Also, denke ich, müsste René selbst eine Antwort auf seine Frage geben können.

Irgendwann lässt mich Roland los, wir sind für heute keine besten Freunde mehr. Ich heule und ärgere mich, dass ich nicht so bin wie er: Braun gebrannt, kurze Hosen schon im April und kräftig. Meine Haut ist mozzarellafarben, ich habe eine Prinz-Eisenherz Frisur und bin nicht so kräftig. Ich versuche, Gott dafür zu verfluchen, aber ich traue mich nicht, verlege mich lieber darauf, meine Eltern für alles verantwortlich zu machen, weil sie nur ein schwächliches Kind kriegen konnten.

Ich muss also irgendwas von wegen Gott gesagt haben, sonst hätte mich das Waldenserkind nicht nach seiner Anwesenheit gefragt. Was ich erzählt habe, weiß ich nicht mehr. Aber was ich weiß ist, dass ich den Eindruck hatte: Er war da. Eingegriffen oder gar für mich Partei ergriffen hat er nicht. Er war wohl eher ein stiller Zeuge. Etwa so: „Ich gehe oder liege, so bist du um mich/ und siehst alle meine Wege." Ich wurde beobachtet – und das war gut. Psalm 139, aus dem der obige Vers stammt, ist mein Lieblingspsalm. Er beschreibt den Zustand des Gesehen-Werdens; heut wie vor 25 Jahren, als ich acht war. Ich werde gesehen, ich werde erkannt. Indem ich gesehen werde, ist Gott da. Aber das kann auch lästig werden. Ständige Kontrolle. Schon Adam versteckte sich vor Gott und beschwerte sich bei ihm: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt." Gott der lästige Voyeur: Zack, schnell die Jalousien der Aufklärung heruntergelassen und ich habe meine Privatsphäre wieder. Genau. Privat. Individuell. Eigen. Allein. Halt, Moment: Ich will nicht ohne den alten Spanner leben. Ohne ihn ist wie ohne mich. „Nähme ich Flügel der Morgenröte/ und bliebe am äußersten Meer. So würde auch dort deine Hand mich führen/ und deine Rechte mich halten." Ich kann mich nicht entziehen. Ich bin in diese Welt geworfen, aber werde dabei gesehen und erkannt. Das ist Belastung und Hoffnung in einem. Er sieht mich und sagt nichts: „Wie schwer sind für mich Gott Deine Gedanken/ Wie ist ihre Summe so groß." Aber ich habe doch auch so meine Gedanken. Und die sind frei. Manchmal. So stehen wir uns gegenüber und sehen uns. Ich und er. Kein Mittelsmann – evangelisch sein ist nicht einfach. Ok, Gott, wir sehen uns.

Der Autor ist Schauspieler und Regisseur. Zuletzt inszenierte er mit Johannes Grebert „Preiset!" an der Schaubühne Berlin, wo er am 22. Juni mit Marius von Mayenburg zur „Night Of The Tausend Games" einlädt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben