Impfaktion : Pandemie mit Profitgarantie

Wo es um viel Geld geht, da wird häufig getrickst, gelogen und betrogen. Kein Wunder also, dass zu der allgemeinen Impfmüdigkeit der Deutschen eine gehörige Portion Misstrauen kommt, wenn es um die Impfaktion gegen die Schweinegrippe geht, für die das Kabinett am Mittwoch den Weg frei gemacht hat.

Kai Kupferschmidt

Für einige Pharmaunternehmen ist die Schweinegrippe schließlich ein Glücksfall. Sie haben viel Geld dafür ausgegeben, sich auf eine Pandemie vorzubereiten. Nun beschert ihnen die Angst vor dem Virus H1N1 ein Milliardengeschäft. Ob das Horrorszenario eines mutierten Virus, das im Winter zurückkehrt und hunderttausende Menschen tötet, tatsächlich eintritt, ist dabei unerheblich. Mit jedem Grippekranken steigt die Angst und die setzt die Regierenden unter Zugzwang. Niemand will ohne Impfstoff oder Medikamente dastehen, wenn das Virus sich doch verändert und schwerere Erkrankungen auslöst als bisher.

Allein beim Pharmariesen Glaxo SmithKline sind mehr als 291 Millionen Dosen des Impfstoffes bestellt worden – und es werden täglich mehr. Auch Novartis und Baxter verdienen an ihren Impfstoffen. Roche ist mit dem Medikament Tamiflu mit von der Partie.

Aber ist es unmoralisch, von der Pandemiepanik zu profitieren? Ist das gigantische Geschäft mit der Grippeangst verwerflich? Zunächst einmal nein. Denn das Risiko einer gefährlicheren, zweiten Erkrankungswelle im Winter besteht nach wie vor – und es ist nur den Pharmaunternehmen zu verdanken, dass es überhaupt einen Impfstoff geben wird. Ohnehin gibt es bei der Medikamentenentwicklung keine sinnvolle Alternative zur Pharmaindustrie. Die ist nunmal auf Profite angewiesen. Etwa zwei Milliarden Euro will GlaxoSmithKline in die Entwicklung des Pandemieimpfstoffes gesteckt haben, Forschung, Studien und eine Verdoppelung der Herstellungskapazitäten im Dresdner Werk inklusive. Das gilt es jetzt wieder einzuspielen.

Natürlich haben die Pharmaunternehmen deswegen ein Interesse daran, ihren Impfstoff anzupreisen und ihn als sicher darzustellen, und natürlich besteht die Gefahr, dass dabei Risiken unterschlagen und Nebenwirkungen veschwiegen werden. Wie jeder Impfstoff wird aber auch das Schweinegrippenvakzin vom Paul- Ehrlich-Institut getestet, ehe es zugelassen wird. Solange das nicht geschah, ist es ohnehin zu früh, Vor- und Nachteile einer Impfung abzuwägen. Kritiker, die jetzt schon warnen, eine Impfung sei ein Gefahr für die Bevölkerung, schüren unnötig Ängste.

An anderer Stelle kann aber zu Recht Kritik geübt werden: Es wird viel zu wenig Energie darauf verwendet, einen universellen Grippeimpfstoff zu entwickeln. Die Influenzaviren ändern zwar ständig ihr Aussehen, um dem menschlichen Immunsystem zu entrinnen. Bestimmte Strukturen aber sind so wichtig, dass sie vom Virus kaum verändert werden können. Die meisten Experten halten es deswegen für wahrscheinlich, dass ein universeller Grippeimpfstoff hergestellt werden könnte, der gegen die meisten, wenn nicht alle verschiedenen Grippeerreger schützt. Pharmafirmen, die zurzeit jedes Jahr einen neuen Impfstoff verkaufen können, haben daran kaum Interesse. Sollte die Aufregung um die Schweinegrippe nun dazu führen, dass Forscher und Politiker sich für einen solchen Impfstoff einsetzen, dann würden am Ende womöglich alle ein wenig von der Pandemiepanik profitieren, nicht nur die Pharmaunternehmen.

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