Meinung : „In allen Figuren steckt etwas von mir“

Christiane Peitz

Ein Psychopath. Ein Gigolo. Ein Drogendealer. Ein Sexsüchtiger. Ein alkoholsüchtiger Vater. Paul Schrader ist der Komplize der Unsympathen. Unermüdlich erstellt er Charakterstudien, porträtiert – als Drehbuchautor und Regisseur – notorische Einzelgänger, virile Helden, verzweifelte Männer. Schrader befasst sich mit den Mächten des Unbewussten, mit Sucht, Gier und, immer wieder, mit der Gewalt, die vom Manne ausgeht. Und wenn er dabei an die Moral appelliert, weiß er genau, wie wenig sie diese Mächte einzudämmen vermag. Ein Exorzist, dessen Seelenduelle zwischen Gott und Teufel keinen Sieger kennen.

Schuld und Sühne, Wollust und Strafe: Gemeinsam mit dem Katholiken Scorsese und noch ein paar anderen hat der Calvinist Schrader in den siebziger Jahren New Hollywood erfunden, mit kompromisslosen, unerbittlichen, religiös grundierten, meist düsteren Filmen. Ihr gemeinsamer Klassiker „Taxi Driver“ (1976) kam 2006 erneut in die Kinos, begleitet von all den Mythen, die sich um dessen Entstehung ranken: Wie abgewrackt der aus religiösem Hause stammende Schrader damals war und wie er von Schnaps und Hamburgern auf der Straße lebte, bis ihm das Verfassen der Story vom Amokläufer quasi das Leben rettete.

Auch in den eigenen Regiearbeiten – dem „Mann für gewisse Stunden“ mit Richard Gere, „Light Sleeper“ mit Willem Dafoe oder „Der Gejagte“ mit Nick Nolte – gewährt er den Männern höchstens ausnahmsweise so etwas wie Gnade. Wenn der 60-Jährige am Donnerstag den Vorsitz der Berlinale-Jury übernimmt, hat er seinen jüngsten Film im Gepäck: „The Walker“ mit Woody Harrelson, der die Damen aus besseren Washingtoner Kreisen zur Oper begleitet und in ein Mordkomplott gerät. In Berlin wird Schrader vertrauten Kollegen begegnen: Dafoe ist in der Jury und Robert „Taxi Driver“ de Niro tritt mit seinem CIA-Film „The Good Shepherd“ im Wettbewerb an.

Über Frauen sagt Schrader: „Sie haben das Unglück, uns lieben zu müssen.“ Über die Strenge, die er von Schauspielern verlangt: „Das hat mit den Dingen zu tun, mit denen ich aufgewachsen bin. Den Kirchen, die aussahen wie Gerichtshöfe. Das waren bloß weiße Wände, eine Decke und ein Mann auf der Kanzel, der dich eine Stunde lang angeschrien hat. Es gab keine Kerzen und keine bunten Fenster. Das hinterlässt seine Wirkung.“ Ein gnadenloser Jurychef? Nein, wer so klug und bewegend über sich selbst spricht, der kann kein kalter Richter sein.

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