Meinung : „In Berlin geht mathematisch die Post ab“

Paul Janositz

Derzeit hat Berlin Berkeley den Rang abgelaufen. Die Technische Universität hat das Tauziehen um Olga Holtz gewonnen. Zwar hält sich die 33-jährige russische Mathematikerin gerade für vier Wochen an der kalifornischen Eliteuniversität auf. Doch dann wird sie nach Berlin zurückkehren, um für vier Jahre an der TU zu arbeiten. Mehr als eine Million Euro hat sie seit November als Kowalewskaja-Preisträgerin zur Verfügung. Dieser Preis, einer der höchstdotierten in Deutschland, ist nach einer russischen Forscherin benannt, Europas erster Professorin für Mathematik.

Da reiht sich die aus Tscheljabinsk am Ural stammende Holtz würdig ein. Mathematik studierte sie in ihrer Heimatstadt. „Nach Moskau durfte sie nicht, vielleicht wegen ihrer jüdischen Abstammung“, sagt TU-Professor Volker Mehrmann. Zur Promotion ging sie dann in die USA, an die Universität von Wisconsin.

Dort löste sie auf die Schnelle einige schwierige mathematische „Vermutungen“, wie Mehrmann berichtet. Durch Veröffentlichungen auf das große Talent aufmerksam geworden, gelang es ihm, Holtz vor vier Jahren erstmals nach Berlin zu holen. Sie bekam für ein Jahr ein Humboldt-Forschungsstipendium und machte sich an die dicksten Bretter, die es auf ihrem Gebiet zu bohren gibt. „Es geht dabei um unterschiedliche Begriffe von Positivität“, sagt Mehrmann. Ihre Arbeit hilft Computern, mit großen Datenmengen fertig zu werden, wie sie bei Flugzeugkonstruktion oder Medikamentenentwicklung anfallen.

Anders als es dem Klischee der grübelnden Mathematikerin entspricht, liebt Holtz auch die Musen. Mehrmann sieht in ihr ein „Multitalent mit sehr großem Selbstvertrauen“. Sie tanze hervorragend und singe bereits im Berliner Philharmonischen Chor. Schon nach dreiwöchigem Intensivkurs konnte sie sehr gut Deutsch sprechen.

Mit großem Elan machte sie sich an den Aufbau ihrer Berliner Arbeitsgruppe. Dank des Kowalewskaja-Geldes konnte sie international bekannte Wissenschaftler gewinnen, die ebenfalls von Berkeley umworben wurden. Auch Holtz wurde von Kalifornien bereits eine Festanstellung zugesagt, sobald die vier Berliner Jahre abgelaufen seien. Doch Mehrmann hofft, sie an der TU Berlin halten zu können. Mit dem Zentrum „Matheon“ und einer Graduiertenschule sei die TU Berlin attraktiver in Mathematik als die kalifornische Spitzenuniversität.

0 Kommentare

Neuester Kommentar