Meinung : In den Akten der Diktatur

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Sie sind vom Teufel, diese Akten. Unredlich, gegen jede Rechtsstaatlichkeit zusammengetragen, durch Denunziation, Verrat und Erpressung. Was in ihnen steht, wurde einzig und allein geschrieben und zusammengestellt, um dem observierten Subjekt zu schaden, um Macht zu erhalten und zu sichern. Mit allen Mitteln.

Diese Akten und die Staatssicherheit, die sie angelegt hat, sie symbolisieren ein unmenschliches System – das jedoch angetreten war mit dem Signum der Menschlichkeit. Nach der Ideologie sollte dieses System gerade das Menschliche – gegen das Göttliche – zur Geltung bringen. Die Herrschenden glaubten, die Wahrheit, den notwendig eintretenden Fortschritt auf ihrer Seite zu haben – wissenschaftlich untermauert, gegen alles bloße Glauben. „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist . . ." So machten sie sich zu Gott, und so wurde der Mensch zum Mittel der Erhaltung der eigenen Macht – „das Gute durchzusetzen" . . . Das spiegeln die Akten wider: die Banalität des Bösen, oft grenzenlose Dummheit und Phantasielosigkeit der Schreiberlinge, das Infame, die Entwürdigung des Einzelnen, wo nichts geschützt und heilig ist.

Hätte man sie nicht verschließen sollen?

Diese Forderung ist vielfach vertreten worden: Diese vergiftende Vergangenheit gehöre in den Giftschrank. Doch: Gibt es Versöhnung ohne Katharsis, ohne Offenlegung der Wahrheit, ohne Schuldbekenntnis? Das ist eine Frage an den einzelnen Menschen. Und an die Gesellschaft: Wie stabil, wie zukunftsfähig ist eine politische Kultur, die die eigene Vergangenheit zudeckt, verdrängt?

Manche behaupten, solche Fragen seien nur christliches Geschwätz – wenn das auch freundlicher formuliert wird. 1990 gab es wirklich große Angst, die Öffnung der Akten würde zu Mord und Totschlag führen. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Es gab keine Lynchjustiz. Sondern vielfältige, redliche, je individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Die Erfahrung vieler Opfer, lesen zu können, was mit ihnen geschehen war, wie man versucht hatte, sie zu entwürdigen. Die öffentliche Anerkennung des Unrechts als Unrecht half ihnen, die Würde wiederzuerlangen. Die Erkenntnis dieser Vergangenheit hilft, sie wirklich zu etwas Vergangenem zu machen, das nicht unheilvoll nachwirkt. Versöhnung legt den Einzelnen nicht auf seine Vergangenheit fest, sondern befreit von ihr. Das aber muss dann auch für den Umgang mit diesen Akten und den Informationen in ihnen Konsequenzen haben. Menschen können sich ändern!

Ist Gott selbst in solchen teuflischen Akten? Er begegnet uns auch dort, wo er in sein Gegenteil verkehrt scheint. Auch in dem verzerrten Spiegel, der mich durch diese Akten anschaut – und doch in mir etwas auslösen kann. Diese Akten sind nicht Wahrheit, können aber zu ihr beitragen. Sie dokumentieren neben aller Niederträchtigkeit vielfaches Widerstehen, Menschlichkeit, Mut und Zivilcourage. Diese Akten sind Teil unserer Vergangenheit, Teil unseres Lebens. Und dieses Leben in der DDR war kein Leben ohne Gott!

Der Autor ist SPD-Bundestagsabgeordneter und war 1990 Außenminister in der frei gewählten DDR-Regierung.

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