Meinung : In den Gefängnissen

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Von Horst Schüler

WO IST GOTT?

Es war ein Sommer, der sich blutig in die Geschichtsbücher einschrieb. Der Berliner Willy Göttling und die Magdeburger Herbert Strauch und Alfred Dartsch gehörten zu den Opfern. Am 18. Juni 1953 wurden sie von sowjetischen Standgerichten zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet. 17 andere Bürger der DDR teilten in den nächsten Stunden ihr Los. Bereits einen Tag vorher waren mindestens 51 Menschen erschossen worden, doch da niemand so richtig Buch führte damals, waren es wahrscheinlich sehr viel mehr, vermutlich weit über hundert.

Wenige Tage später starben Gerd Kirsche und Heinz Jeschke, beide aus Sachsen. Und mit ihnen fanden 62 andere politische Häftlinge den Tod in einem Lager der Strafregion Workuta im äußersten Norden Russlands. Auch sie wurden erschossen. Sowjetische Soldaten, die das Lager umstellten, hatten Feuerbefehl bekommen, weil die seit Tagen streikenden Gefangenen sich weigerten, die Arbeit in den Schächten wieder aufzunehmen.

Zwischen den Schauplätzen beider Ereignisse liegen einige tausend Kilometer, doch die Ursachen waren gleich: In Berlin, in der DDR und in Workuta lehnten sich Menschen gegen ihre Unterdrücker auf. Vor allem frei sein wollten sie. Als die Aufstände angesichts der drohend aufgefahrenen Panzer und im Feuer von Maschinengewehren und Kalaschnikows erstickt wurden, da fragten sich viele: Herrgott, wo warst du? Warum hast du uns allein gelassen? Warum hast du zugesehen, wie die siegen, die dich verleugnen?

Es ist stets die gleiche anklagende Frage, immer wieder hören wir sie, wenn die Verzweiflung schier übermächtig wird, wenn die Menschen keinen Ausweg aus ihrer Not sehen, wenn sie sich allein gelassen meinen von Gott, der doch bei ihnen sein soll, „alle Tage bis an der Welt Ende“.

Eine Antwort? Wer weiß darauf schon eine Antwort? Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es in den Kirchen. Und habe nicht selbst der Gottessohn die Verzweiflung der Menschen geteilt, als er am Kreuz flehte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Denn das ist Menschen Eigenart: Wenn die Not am größten, dann finden manche zu Gott, die vorher nie an ihn geglaubt haben. Andere aber verleugnen ihn plötzlich. Wo ist Gott? Auf diese Frage gibt es keine für alle gültige Formel. Jeder muss selbst die Antwort darauf finden, ganz für sich allein.

Der Autor leitet die „Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft“.

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