Meinung : In den Vorgärten blüht Voltaire

Von Pascale Hugues, Le Point

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Ich liebe die Langsamkeit der Berliner Bürgersteige. Wer sie müßigen Schrittes entlangschreitet, muss keine Angst haben, von anbrandenden Fluten eiliger Passanten aus seinen Gedanken aufgeschreckt zu werden. Die Trottoirs der großen Pariser Boulevards sind wie enge Laufbänder, auf denen Stress und schlechte Laune herrschen. Wer sie benutzen will, muss Ellbogen und Absätze gebrauchen. In Deutschland dagegen ist der Bürgersteig schon dem Wort nach ein zivilisierter Ort, an dem der ehrenwerte Bürger sich Muße und Zeit nimmt.

Mir gefällt das anarchische Eigenleben der Berliner Bürgersteige, ich mag die großzügige Freiheit, die sie ihren Anwohnern bieten. Jeder eignet sich dieses schmale Stück öffentlichen Raumes im Sommer auf die eigene Art an, jeder privatisiert die Granitplatten vor seiner Haustür. Mein Zeitungshändler zum Beispiel verlagert jeden Morgen sein Wohnzimmer ins Freie direkt vor seinem Laden: Klappstuhl und Campingtisch, darüber ein Wachstuch, eine Schüssel Müsli und grüner Tee. Mit einer Strickmütze schützt er seine Glatze vor der Zugluft. Beim Frühstücken inspiziert er auf der Lauer nach Kunden die Straße, wie ein heimlicher, aber mächtiger Kiezkönig. Auch der Physiotherapeut im Erdgeschoss dehnt seinen Wartesaal auf den Bürgersteig aus: An der Hausecke hat er eine Bank mit geblümten Kissen aufgestellt, damit die letzten Strahlen der Abendsonne die Hexenschüsse seiner Patienten streicheln können.

Die Berliner Bürgersteige sind multifunktional. Die kapitalistische Version: Samstags verwandeln sie sich in Basare, auf denen Schulkinder große Picknickdecken ausbreiten und ihr ausgedientes Spielzeug verkaufen. Manchmal weisen am Rand von Straßenkreuzungen improvisierte Altäre, ein Holzkreuz und ein Topf Chrysanthemen, auf den Unfalltod eines Kindes, auf die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens hin.

„Es gilt zu wissen, wie man seinen Garten kultiviert“, riet Voltaire in meinen Schulbüchern – eine erbärmliche Schrebergartenphilosophie, die ich mit meinem ganzen Wesen verabscheute. Das menschliche Streben reduziert auf eine Gartenschere und eine Gießkanne! Das Universum verengt auf ein Rübenbeet! Mir waren damals natürlich Malraux und Rousseau lieber, die weit gereist waren und die Welt verändern wollten. Die Berliner dagegen – dieser Eindruck drängt sich mir bei meinen sommerlichen Spaziergängen durch die Straßen der Stadt auf – scheinen Voltaire zu ihrem Guru erkoren zu haben. Auf ihren Bürgersteigen pflanzen sie Rabatten aus Stiefmütterchen, lassen Klematisbögen an den Bäumen hinaufranken und Gartenzwerge gleich familienweise aufmarschieren, züchten zwischen den Pflastersteinen Petersilie. Die ganze Stadt jätet und schneidet, gräbt um und sät aus. Jeder hegt seine kleine bukolische Oase, um das Grau der Metropole grün zu färben. Der schöpferische Elan kennt keine Grenzen: Im dunklen Hinterhof meines Hauses haben die beiden Yogi-Mieter aus dem Erdgeschoss einen Zen-Garten angelegt. Zwischen den Fahrrädern und der Kellertür überquert ein Terrakotta-Nilpferd eine kleine Holzbrücke, hinter den Mülltonnen logiert ein graziöser buddhistischer Tempel. Vermutlich stärkt dieser verspielte Kitsch mit seinen Wellen unsere innere Balance.

In Charlottenburg hat kürzlich eine Delegation von Bezirksbeamten den Abriss eines dieser Miniaturparadiese angeordnet: Die Fußgänger könnten stolpern! Der Drahtzaun, der die jungen Triebe vor Zudringlichkeiten schützt, droht Autotüren zu zerkratzen! Als ich davon hörte, hatte ich fast ein wenig Angst um Berlin. Um eine Stadt, die in diesem Sommer auf ihren Bürgersteigen ein Stückchen jenes irdischen Glücks gefunden hat, nach dem der ebenso bescheidene wie weise Voltaire suchte.

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