Meinung : In den Wahnsinn entflohen

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Augusto Pinochet war ein brutaler Diktator. Unter seiner Herrschaft wurden tausende Oppositionelle entführt, gefoltert und ermordet. Dennoch wird sich der 86-Jährige dafür nicht mehr verantworten müssen. Denn er ist geflohen, geflohen in den Wahnsinn. Zu alt und zu verwirrt für ein Strafverfahren – das hat Chiles höchstes Gericht jetzt befunden. Und damit einem rechtstaatlichen Prinzip Rechnung getragen: Wer nicht versteht, wie ihm geschieht, der kann nicht bestraft werden. Dazu lagen entsprechende Gutachten vor, an ihnen musste sich das Gericht orientieren. Mit einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld hat die Entscheidung nichts zu tun. Dies ist eine kleine Genugtuung für die Angehörigen der Opfer. Mehr nicht. Die Untaten bleiben ungesühnt. Die Enttäuschung der Leidtragenden ist also verständlich. Dennoch könnte das Urteil etwas Gutes haben. Zum einen wurden juristisch alle Wege beschritten, den einstigen Militärchef zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist wichtig für eine junge Demokratie. Zum anderen wird der Fall Pinochet das Land nicht mehr zerreißen können. Im besten Sinne des Wortes kann sich Chile wieder um seine Alltagssorgen kümmern. Noch etwas macht Mut. Pinochet wird vielleicht dank des Internationalen Strafgerichtshofs der letzte Gewaltherrscher gewesen sein, der ungestraft davonkommt. Das Bewusstsein hat sich verändert. Auch wegen Pinochet. Ch.B.

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