Meinung : In der Begrenzung

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Von Peter Frey

WO IST GOTT?

Die Berliner Großstadtgemeinde St. Ludwig erscheint mir wie ein Ausrufezeichen – einer der letzten Plätze, in der die Gesellschaft noch zusammenkommt, bunt und vielgestaltig. So wie sie eben ist. Alle gleich – im Angesicht Gottes: Deutsche und Ausländer, Alte und Junge, Arme und Reiche, Familien und Alleinstehende, Katholiken und ein paar Protestanten, Heteros und Schwule. Aber jeder und jede bei sich – vor Gott.

Warum ist diese Kirche Heimat, was bedeutet Gott für mich? Da finde ich Zuflucht nur in Formeln, die mir abgegriffen erscheinen, da bin ich – ein Journalist – hilflos angesichts der Kluft zwischen Alltags- und Glaubenssprache. Ich beneide jüdische Freunde, die es gelernt haben, Gott ohne priesterliche „Funktionäre“ im privaten Raum mit ihren Familien und Freunden zu begegnen. Aber Mit-Gott-leben heißt auch, in solche Begrenzungen einzuwilligen, Herkunft, Wurzeln, Gegenwart anzuerkennen, ohne Anspruch auf die ganze Wahrheit, als Suchender.

Wir leben in einer Welt der Autosuggestion. Internet, Handy und Globalisierung geben uns die Illusion der Allgegenwärtigkeit. Aber so ist es nicht. Überall stoßen wir an Grenzen, räumliche und zeitliche, aber auch an Grenzen unserer Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Gott hilft, diese Begrenzungen anzuerkennen. Er markiert den Punkt, an dem wir uns von Machbarkeits- und Allmachtsphantasien verabschieden können und anvertrauen müssen.

In einer Welt, in der alles machbar, erreichbar, organisierbar erscheint („Nichts ist unmöglich“, heißt der Slogan einer Autofirma), ist Gott eine Provokation. Er entzieht sich unserem Zugriff. Er bleibt ein Rätsel. Wir können uns kein Bild von ihm machen. Gott – ein Gegenentwurf zu unserem Zeitgeist, der das „Image“ wichtiger nimmt als die Substanz einer Person und seines Lebens. Gott kehrt die bestehenden Verhältnisse um. Das Christentum ist eine Botschaft der Bescheidenheit und Rebellion. Nicht der Erfolg, der Status, der Schein zählen. Gott steht auf Seiten der Gebeugten.

Dieser Gedanke begleitet mich auch in meiner Arbeit als Journalist. Demokratische Herrschaft – und die Berichterstattung über sie – hat der Gesellschaft zu dienen. Es gibt einen klaren Maßstab und der heißt: Unsere politischen Systeme (und auch unsere Arbeit) müssen die Rechte und Würde des Einzelnen schützen, so unbedeutend, unauffällig und ohnmächtig er auch sein mag. Es geht aber auch um ein Stück Selbst-Distanz. Eitelkeit und Selbstüberschätzung sind Gefahren nicht nur für Politiker. Auch Fernsehmenschen sind diesen Versuchungen ausgesetzt. Gott verschafft Autonomie den Mächtigen gegenüber. Er erinnert aber auch Journalisten daran, dass sie Privilegierte sind.

Gott hilft mir zu begreifen: Es gibt etwas, was größer ist. Bei aller Verantwortung für das eigene Leben, bei aller Freude am eigenen Willen, an der eigenen Leistungsfähigkeit – es ist anders als in der Werbung: Nicht alles ist möglich, nicht alles machbar. Der Mensch kann viel. Aber er kann nicht alles alleine schaffen. Gott sagt: Gut so.

Unser Autor ist Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin .

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