Meinung : In der Freiheit

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Von Andrea Fischer

WO IST GOTT?

Kann Gott sich ändern? Der Gott meiner Kindheit war streng, womöglich sogar noch strenger als die Pfarrer. Wahrscheinlich war das der wichtigste Grund dafür, dass ich weg wollte von diesem Gott und von diesen Pfarrern. Mein Gefühl sagte mir, dass ich um so freier werden würde, je weiter ich mich von diesem Schlechte-Gewissen-Gott und seinen irdischen Helfern entfernte. Politisch links zu sein, half mir damals bei der Flucht in die Freiheit. Es half mit Kritik an der Religion, an der Kirche, am Papst und, na Sie wissen schon…

Kann Gott sich ändern? Heute geht es mir mit ihm ganz anders, er hat mich meine Freiheit suchen lassen. Bis ich vor einigen Jahren den Wunsch verspürte, mich ihm wieder annähern zu wollen. Dezent und behutsam hat er mir geholfen; er hat mich Menschen treffen lassen, die mir den Glauben an ihn wieder näher brachten. Hat mich durch Lebenssituationen geschickt, in denen ich gar nicht mehr ohne Beistand sein wollte. Und als ich dann nach ihm fragte, war er einfach wieder da. Nicht etwa nachtragend, sondern vielmehr großmütig. Bei ihm war Freiheit und Milde, viel Milde.

Kann Gott sich ändern, zum zweiten Mal? Erst allmählich merkte ich, wie anspruchsvoll das Leben mit Gott ist, gerade weil er mir Freiheit lässt. Wo der Pfad der Hoffnung verläuft, sagt er mir nicht, er gibt mir auch kein überstrenges, enges Netz mehr, kein Korsett von Du-sollst-nicht – wie früher.

Was geht und was nicht, das muss ich nun selber herausfinden. Wir können es uns in seiner Hand nicht bequem machen. Darin liegt vielleicht so etwas wie eine milde, ja ironische Form der Strenge. Eine Strenge in Freiheit gewissermaßen. Kann Gott sich ändern? Sich wahrscheinlich nicht. Uns schon.

Die Autorin ist Bundestagsabgeordnete der Grünen.

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