Meinung : In der Fremde

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Von Don Alfio Bordiga

WO IST GOTT?

In Berlin leben etwa 17 000 Italiener. Anders als in der Vergangenheit bildet die italienische Mission nicht mehr den einzigen Bezugspunkt der Italiener in Berlin, ein guter Teil von ihnen bewegt sich im Umfeld deutscher katholischer Gemeinden oder von anderen Gemeinden. Die Mission ist jedoch die Kirche, in der der christliche Glaube in der Muttersprache zelebriert wird, gemäß italienischer Sensibilität und in italienischem Stil. Als ich hier ankam, kümmerte sich die Mission aber auch um Unterstützung von Familien in Not. Denn in einer Stadt, die so groß ist wie Berlin, besteht immer die Gefahr, dass die Anonymität das soziale Zugehörigkeitsgefühl ausradiert.

Die Italiener emigrieren leider noch immer, weil sie arbeiten wollen und oft suchen sie im Ausland jenes „Glück“, das sich dann später als unauffindbare Illusion herausstellt. Der Traum von Deutschland verschwindet in Enttäuschungen und Prüfungen, die das überschreiten, was man im eigenen Herkunftsland erlebt hat. Arbeitslosigkeit, Sprachschwierigkeiten, die Mühseligkeit, sich an die deutsche Mentalität der Genauigkeit anzupassen, tragen sicher nicht dazu bei, dass die Emigrationserfahrung zu einer aufbauenden wird. In dieser Situation hat sich die Mission darauf vorbereitet, sich des Bedürfnisses der Menschen nach dem Absoluten, also nach Gott, anzunehmen. Ohne jedoch zu vergessen, dass es neben diesem Bedürfnis nach Gott auch die Person gibt, den Menschen, sein Leben, seine Gefühle, seine Bedürfnisse, die es zu erfüllen gilt.

Der Glaube der Italiener ist ein Glaube, der der Tradition fest verbunden ist und auch der eigenen Regionalkultur. Er drückt sich aus in der Wahl der katholischen Religion und der Feier der Sakramente. Wie in Italien bitten auch hier praktisch alle, auch wenn sie nicht regelmäßig zum Gottesdienst gehen, für sich und ihre Angehörigen um die Sakramente: die Taufe der Söhne und Töchter, die Kommunion und Firmung, um sich einmal in Italien trauen zu lassen. Dann kehren sie wieder in jene Anonymität zurück, aus der sie für einen Moment herausgetreten waren. Natürlich gibt es aber auch diejenigen, die an der Mission und ihrer Aktivität intensiver teilhaben.

Das erste Ziel unseres pastoralen Projektes ist es, den Italienern unsere Mission als Erfahrung einer christlichen Gemeinschaft anzubieten, offen und gastfreundlich. Nicht nur, was den Freizeitaspekt anbelangt, sondern auch in ihrer besonderen Identität als Glaubensgemeinschaft. Uns geht es darum, ein familiäreres Bild der Mission zu bieten, mit freundlichen und weniger formalen Kontakten. So wird die Mission nicht mehr als Dienstleistungsagentur zur Feier der Sakramente angesehen, sondern vor allem als privilegierter Ort für die Begegnung mit Christus, für christliche Bildung, für das Gebet mit den Brüdern und Schwestern, die Feier der Sakramente, die Kenntnis des Evangeliums und als Ausdruck des Gemeindelebens.

Der Autor ist katholischer Pfarrer und Leiter der „Mission Cattolica Italiana“ in Berlin in der Mindener Str. 10589 Berlin, Telefon: 3459213 oder 3453254.

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