Meinung : In der Gleichheitsfalle

Irak und Nordkorea: Unterschiedliche Gefahren, unterschiedliche Gegenmittel

Christoph von Marschall

George W. Bush muss viele Freunde in Europa haben, allem Anschein zum Trotz. Nordkorea wird mit seinem Atomprogramm zu einer ernsten Bedrohung für Südkorea und Japan. Die größte Sorge der meisten Beobachter scheint jedoch zu sein, wie sie Bush vor Inkonsequenz bewahren. Irak strebt nach Massenvernichtungswaffen, Nordkorea genauso, hat vielleicht schon die Bombe. Müsste Bush da nicht auch einen Krieg gegen Nordkorea vorbereiten, wird rhetorisch gefragt – was natürlich niemand empfiehlt. Kim Jong Ils kriminelles Vorgehen soll ein Argument gegen Bushs Irak-Pläne abgeben. Wenn er den Konflikt mit Pjöngjang diplomatisch lösen wolle, müsste er dann nicht dasselbe mit Saddam Hussein tun? Die Frage, wie sich künftig Sicherheit in Asien und im Mittleren Osten garantieren lässt, interessiert bei so viel Mitgefühl mit Bush weniger.

Nicht ganz so geläufig wie der Gleichheitsgrundsatz scheint seine erste Ableitung zu sein: Gleiches muss gleich, Ungleiches ungleich behandelt werden. Natürlich, beide sind Schurken, aber doch verschiedenen Kalibers und mit unterschiedlichen Delikten.

Kim Jong Il macht sich wie sein Vater Kim Il Sung des Totschlags schuldig – er lässt sein Volk wissentlich verhungern – und der Erpressung. Er strebt nicht nach der Bombe, um Eroberungsfeldzüge zu führen oder Nachbarvölker auszulöschen. Sie dient ihm als Tauschobjekt wie im Vertrag von 1994: Wenn Amerika Erdöl und Leichtwasserreaktoren liefert, will er sein Atomprogramm einstellen. Und, zweitens, als Überlebensgarantie: Eine bessere Versorgung beugt Volksaufständen vor. Zudem verlangt der Diktator einen Nichtangriffspakt mit den USA.

Angriffe von außen muss Nordkorea schon heute nicht fürchten. Seine Scud-Raketen können solche Verheerungen in Seoul oder japanischen Millionenstädten anrichten, dass das als Abschreckung ausreicht, ganz ohne Atombombe. Der offizielle Nichtangriffspakt soll Kim Jong Il politisch aufwerten. Er sieht in dem Konflikt ein bilaterales Kräftemessen mit Amerika und lehnt die Einmischung der UN, der internationalen Atomenergiebehörde oder anderer Staaten als unzulässige Internationalisierung ab. Weshalb man ihm genau damit drohen kann. Er fürchtet den vereinten Druck seiner früheren Schutzmächte China und Russland sowie des Westens. Militärisch besiegen könnte Bush Nordkorea schon, aber eine gewaltsame Abrüstung würde so viele Opfer kosten, dass die Option ausscheidet. Bush wird der Erpressung also teilweise nachgeben.

In solch eine Position, die ihn unangreifbar macht, soll der Schwerstverbrecher Saddam gar nicht erst kommen. Auch er lässt sein Volk hungern und verweigert die Einfuhr lebensrettender Medikamente, die das Oil-forfood-Programm auch unter den internationalen Sanktionen erlauben würde. Anders als der Nordkoreaner hat er Angriffskriege geführt (gegen Iran und Kuwait), Giftgas gegen eigene Bürger und Nachbarn eingesetzt, Raketen auf Israel geschossen. (Nordkorea dagegen nur eine Rakete über Japan hinweg ins Meer geschossen: als Demonstration.)

Die Vereinten Nationen halten Saddam für so gemeingefährlich, dass sie nur eine geringe Bewaffnung zulassen und ihm eine strenge Rüstungskontrolle auferlegt haben. Der entzieht sich Bagdad jedoch immer wieder. Erst unter Kriegsandrohung hat Saddam die Inspekteure ins Land gelassen. Die Arbeit ist noch ganz am Anfang. Wenn Saddam ein Abschreckungspotenzial hätte wie Kim Jong Il, das ihn unangreifbar macht – wie sähe der Mittlere Osten wohl bald aus?

Der Fall Nordkorea bietet kein Argument gegen Bushs Irak-Pläne. Im Gegenteil: Nur militärischer Druck kann verhindern, dass Saddam außer Kontrolle gerät und sich Massenvernichtungswaffen verschafft – notfalls bis hin zur gewaltsamen Abrüstung.

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