Meinung : In der helfenden Hand

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Von Ruth Pfau

WO IST GOTT?

Welche Frage! Wenn es Gott gibt, dann ist er überall, wenn es ihn nicht gibt, dann erübrigt sich das Nachdenken darüber. Aber offensichtlich sind wir von der Möglichkeit dass es ihn doch gibt, so fasziniert, dass wir durch alle Kultur- und Geschichtsperioden hindurch nicht davon ablassen konnten, Fragen zu stellen, die sich mit diesem Gott beschäftigen. Auch wenn er, per definitionem, unbekannt sein muss.

Wenn man das Glück hat, Christ zu sein und an eine Offenbarung dieses unbekannten Gottes zu glauben, der vorgibt, ein Gott der Liebe zu sein, und es auch ist, dann wird die Sache kompliziert. Unverständlich. Provozierend. – So, dass es weh tut.

Dys, Lepra-Assistent, auf Sonderauftrag für die Arbeit mit den illegalen Flüchtlingen aus Afghanistan, kommt verstört zurück. Ein Afghane habe heute Nacht seine sechs Kinder, seine Frau und sich selbst mit Rattengift vergiftet. Er gibt mir den Brief, den er hinterlassen hat. „Ich konnte es nicht länger ertragen, dass mich meine Kinder um trockenes Brot baten, und ich konnte es ihnen nicht geben.“ – Herrgott, warum hast Du mich das nicht gestern erfahren lassen? Wir hätten ihm den Sack Mehl und den Ölkanister und Zucker und Teeblätter geliefert, wir borgen sowieso schon vom Lepra-Budget, um Nothilfe unter den Flüchtlingen zu leisten.

Sadiqa, achtjährig, fliegt mir in die Arme. Sie will die Wellensittiche sehen, noch einmal und noch einmal. Wir gehen zum Gehege im Schulgarten. Wie es zwitschert und zirpt und lockt, der Wirbel der gelben und blauen Flügel, plötzlich ist einer im Nistkasten verschwunden, Sadiqa jauchzt. Das war die Zeit, wenn auf den Müllhalden von Karachi morgens die Tagesarbeit begann: mit der Mutter zum Betteln gehen, sich den verachtenden Blicken der Menschen auszusetzen, bis man abends erschöpft auf die Müllhalden zurückkehrte. Sadiqa jauchzt. Schau, ein gelber, ich glaube, das ist noch ein Baby, ist der nicht süß? Herrgott, das Leben ist schön.

Wenn Du Gott bist, dann bist Du Gott. Wenn Du mein Gott bist, der sich am Rand der Zeiten offenbart hat, dann bist Du der Gott der Liebe. Liebe, die ich mal fassen kann und so oft nicht. Ich habe es bewusst abgestellt, dass ich „Warum“ frage; eine Antwort bekomme ich doch nicht. Ich benutze meine Kräfte lieber, etwas Konstruktives zu tun. Ich sammle all die Warums auf meiner Liste – denn ich werde eine Antwort einfordern, ich werde eine Antwort finden, dann, wenn vielleicht meine Fragen in jener letzten überwältigenden Offenbarung der Liebe versinken.

Die Autorin ist Ordensärztin und betreibt das „Marie Adelaide“-Leprazentrum in Pakistan.

Die Kolumnen des ersten Jahres liegen als Buch vor: Wo ist ER? 52 Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“, Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Berlin; 6 Euro 90. ISBN 3-7461-0173-5

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