Meinung : In der Kraft des siebten Tages

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Von Dieter Simon

WO IST GOTT?

Obwohl es nicht in der Heiligen Schrift steht, kann es für einen Christen nicht zweifelhaft sein, dass Gott selbst die Feiertage erfunden hat. Denn als er nach sechs Tagen sein Schöpfungswerk abgeschlossen und zufrieden besichtigt hatte, beschloss er, einen Tag auszuruhen, und erst danach wieder die Arbeit mit der Herstellung des Menschen fortzusetzen.

Er machte also eine schöpferische Pause, um neue Ideen und Kräfte zu sammeln, genau so, wie wir das heute noch tun, wenn man davon absieht, dass kaum jemand noch sechs Tage hintereinander arbeitet. Die Einführung eines Feiertages war also bestimmt in seinem Sinne.

Dass heute nur noch an fünf Wochentagen gearbeitet wird und auch der vierte, wegen der unverzichtbaren Vorbereitungen auf den sechsten und siebten stark in Mitleidenschaft gezogen ist, tut der göttlichen Einrichtung keinen Abbruch. Denn Gott hat zwar den siebenten Tag geheiligt, also angeordnet, dass auch die Menschen an diesem Tag nicht arbeiten sollen.

Aber er hat nicht befohlen, dass an den vorausgehenden sechs Tagen gearbeitet werden müsse. Außerdem ist auf diese Weise dem alten Disput, ob von dem Gebot der Sabbatheiligung der Sonntag oder eher der Samstag betroffen sei, elegant die Schärfe genommen.

Unklar ist allerdings, inwieweit es sich mit Gottes Absichten vereinbaren lässt, dass seine verstandesbegabten Geschöpfe diese durch die Umstände der Welterschaffung glänzend legitimierte Ausgangslage nach und nach erheblich veränderten. Gegen die Einstreuung einiger Unterbrechungen in den tristen Rhythmus eines 5plus-2-Arbeitslebens ist gewiss wenig einzuwenden. Denn diese Feiertage dienen überwiegend der christlichen Erinnerungskultur und sind von daher wertvoll und erhebend. Unschön ist lediglich, dass manche dieser Tage wie etwa Christi Himmelfahrt unter schon blasphemischen Titeln „Vatertag" (Deutschland West) oder „Herrentag" (Deutschland Ost) von breiten Bevölkerungsschichten zu wenig gottgefälligem Treiben genutzt werden. Auch die Hinzufügung einiger weltlich begründeter nationaler Feiertage zum Zwecke politischer Besinnung und Formierung kann nicht eigentlich missbilligt werden.

Ernste Zweifel beginnen dort, wo sich die unheilige Entdeckung verbreitet, dass man Feiertage durch die Eliminierung störender Arbeitstage zu Blöcken bündeln kann, um über diese Brücken – bei vollem Lohnausgleich – in immer längeren Perioden der Untätigkeit zu verschwinden. Schon haben Statistiker festgestellt, dass in Deutschland 40 Tage weniger gearbeitet wird als in der Schweiz.

Setzt sich diese Entwicklung fort, müssen in absehbarer Zeit die letzten Arbeitstage zu Feiertagen erklärt werden, um der Memorialkultur für die Arbeitswelt Genüge zu tun.

Das Feiertagswesen bedarf also einer Totalrevision, nicht zuletzt, um die Mittel zum Feiern zu retten und damit den Feiertag vor dem Untergang an sich selbst zu bewahren. Wenn die Politik nicht eingreift, wird man Gott bitten müssen, sich ein weiteres Mal dieser Sache anzunehmen und einen neuen Anfang zu machen.

Der Autor ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Professor für Europäische Rechtsgeschichte .

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