Meinung : In der Leere der Mitte

Warum Berlin nicht zu lange auf das Schloss warten kann

Hermann Rudolph

Die Herbststürme im letzten Jahr, ausgelöst durch die Absicht des Finanzministeriums, das Schloss überwiegend kommerziell zu nutzen, hat das Projekt überstanden. Zu massiv waren die Proteste gegen die handstreichartige Umwidmung des Unternehmens. Der Preis dafür war hoch: ein Zwei-Jahres-Moratorium. Nun droht die größere Gefahr: die Stille, die sich um dieses Vorhaben ausbreiten könnte, der Berliner Mitte den Eckstein wieder einzusetzen, der ihr Gesicht und Maßstab gibt. Bleibt das Schloss ein imaginärer Ort, der nur in Sympathiebekundungen und einem Bundestagsbeschluss existiert, könnte leicht der Elan dahinwelken, auf den das ehrgeizige Vorhaben angewiesen ist. Erst recht, wenn ihm das Leben, das qua Zwischennutzung wieder in die Palast-Ruine einzieht, zusätzlich den Boden abgräbt.

Insofern ist der Kampf um das Schloss noch keineswegs entschieden. Er braucht Appelle wie den des Bundestagspräsidenten Thierse gestern an Bauminister Stolpe, aber auch Resonanz in einer breiteren Öffentlichkeit. Die Frauenkirche in Dresden ist gewiss nur bedingt mit dem Schloss zu vergleichen. Aber als ein Beispiel dafür, wie ein solches Vorhaben, das anfangs auch von Zweifeln begleitet wurde, Realität werden kann, darf sie allemal gelten. Die Partnerschaft mit der Deutschen Bank, die der Schloss-Förderverein gestern vorstellte und die der SpendenWerbung zugute kommen soll, ist ein richtiger, wichtiger Schritt in diese Richtung.

„Wer die Ödnis des Schlossplatzes erlebt“, so hat unlängst kein Geringerer als Bundespräsident Rau festgestellt, „der muss sich sagen, dass es eben nicht genügt, einen Neubau des Schlosses bloß zu beschließen“. Um so notwendiger wäre es, dass die Initialzündung des Bundestagsbeschlusses nicht verpufft, sondern, trotz Moratorium, Resultate zeitigt. Dazu gehört die Ausschreibung eines internationalen Wettbewerbs ebenso wie die Bereitschaft, mit dem Abriss des Palastes der Republik Ernst zu machen. Dass Wilhelm von Boddien, der Inspirator und Motor des Projektes, jetzt dem Verein als Geschäftsführer zur Verfügung steht, also mit voller Kraft voranbringen kann, was er bisher sozusagen nebenberuflich betrieb, kann dem Schloss-Projekt nur nützen.

Bleibt die Haltung des Berliner Senats. Senator Strieders Einfall, das Schlossareal nach dem Abriss zu einer Rasenfläche zu machen, beschwört überdeutlich, peinlich deutlich die Hoffnung, dass über das ganze Vorhaben Gras wachsen soll. Zumindest demonstriert dies eine Interesselosigkeit an einem zentralen Thema der Stadtgestaltung, die blamabel ist. Wer sollte denn für das Schloss eintreten, wenn nicht Berlin? Der Senat sollte sich in Sachen Schloss endlich dazu durchringen, sein Herz über die Hürde werfen – wenn er denn eins hat.

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